
Monika Unterholzner, stellvertretende Generaldirektorin der Wiener Stadtwerke, im Gespräch mit neunerhaus Geschäftsführerin Elisabeth Hammer über gesellschaftliche Verantwortung, Gesundheit, Zusammenhalt – und darüber, warum ein respektvoller Umgang gerade dann wichtig ist, wenn es schwierig wird.
Elisabeth Hammer: Du warst bereits bei uns im neunerhaus Gesundheitszentrum. Was war dein erster Eindruck?
Monika Unterholzner: Mein erster Eindruck war, wie gut organisiert und professionell das Gesundheitszentrum ist. Was mich besonders berührt hat, war die hohe Wertschätzung, die dort auf allen Seiten spürbar ist. Von den Menschen, die ihre Zeit und ihre Expertise zur Verfügung stellen, genauso wie von den Patient*innen, die das Angebot nutzen. Es ist ruhig, respektvoll und gut organisiert.
„Man spürt: Hier wird Menschen auf Augenhöhe begegnet.“
Monika Unterholzner schildert ihren Eindruck vom neunerhaus Gesundheitszentrum.
Hammer: Genau das ist uns wichtig. Auch über die Räume und die Atmosphäre wollen wir vermitteln: Du bist wichtig und du wirst hier respektvoll behandelt. Warum haben sich die Wiener Stadtwerke entschieden, neunerhaus und das Gesundheitszentrum zu unterstützen?
Unterholzner: neunerhaus hat einen sehr guten Ruf und leistet sehr gute Arbeit. Für uns ist wichtig, dass unsere Unterstützung unmittelbar bei Menschen ankommt und lokal in Wien wirkt. Dass also zwischen einer Spende und dem konkreten Nutzen für Menschen ein sehr direkter Zusammenhang besteht. Dazu kommt für mich der innovative Ansatz. Mein Eindruck ist, dass neunerhaus keine starre Organisation ist, sondern Veränderungen wahrnimmt und darauf reagiert. Wenn neue Bedarfe entstehen, werden Angebote weiterentwickelt. Das ist gerade in der Arbeit mit Menschen enorm wichtig. Und auch die Infrastruktur spielt eine Rolle: Menschen sollen eine moderne, gut ausgestattete Umgebung vorfinden. Dieses Niveau und diese Wertschätzung sind wichtig.
Hammer: Wir merken sehr unmittelbar, wenn gesellschaftlicher oder ökonomischer Druck steigt – etwa im Gesundheitszentrum oder im neunerhaus Café. Besonders der psychische Druck hat zugenommen. Deshalb arbeiten wir ganzheitlich und multiprofessionell: mit Allgemeinmedizin, Zahnmedizin, Pflege, Sozialarbeit, Peer-Arbeit und Psychiatrie. Warum ist ein solcher Ansatz aus deiner Sicht wichtig?
Unterholzner: Weil die Dinge nicht voneinander zu trennen sind. Geopolitische Entwicklungen, wirtschaftlicher Druck oder gesellschaftliche Veränderungen betreffen am Ende immer die einzelnen Menschen. Kriege lösen Ängste aus. Eine wachsende Stadt stellt uns vor Fragen rund um Wohnen, Schulen oder Infrastruktur. Auch ein schwieriges Arbeitsumfeld kann gesundheitliche Auswirkungen haben. Und wir haben während und nach Covid gesehen, wie sehr sich gesellschaftliche Veränderungen auf Kinder und Jugendliche ausgewirkt haben.
„Man kann nicht einen einzelnen Aspekt herausgreifen, ein Pflaster draufkleben und glauben, damit sei alles wieder gut.“
Die stellvertretende Generaldirektorin der Wiener Stadtwerke Monika Unterholzner über ganzheitliche Hilfe.
Hammer: Wo siehst du in diesem Zusammenhang die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen?
Unterholzner: Als Daseinsvorsorgeunternehmen haben die Wiener Stadtwerke eine besondere Verantwortung. Unsere Aufgabe ist es zunächst, eine gute und leistbare Versorgung sicherzustellen. Wir müssen darauf achten, Menschen nicht zu verlieren – etwa wenn sie Schwierigkeiten haben, ihre Stromrechnung zu bezahlen – und gemeinsam mit sozialen Einrichtungen Lösungen für Härtefälle finden. Gleichzeitig müssen wir in die Zukunft schauen. Wie verändert sich das Klima? Wie machen wir unsere Infrastruktur zukunftsfähig? Wie gewährleisten wir Versorgungssicherheit? Aber gesellschaftliche Verantwortung bedeutet für mich auch, als Unternehmen Haltung zu zeigen. Wir bilden zum Beispiel rund 700 Lehrlinge aus. Junge Menschen kommen mit 15 Jahren zu uns und verlassen uns einige Jahre später als Erwachsene. Auch daraus entsteht eine enorme Verantwortung. Wir haben uns deshalb Führungs- und Zusammenarbeitsprinzipien gegeben. Aber ein Leitbild allein verändert natürlich noch nichts. An diesen Werten muss man jeden Tag arbeiten.
Hammer: Haltung, sozialer Zusammenhalt und die Frage, wie wir miteinander umgehen, werden auch für uns immer wichtiger. Unsere diesjährige Kampagne trägt deshalb die Frage: „Wie behandeln wir uns?“ Gemeint ist damit einerseits ganz konkret die gesundheitliche Behandlung obdachloser Menschen – aber auch die gesellschaftliche Frage: Wie begegnen wir einander?
Unterholzner: Ich finde diese Frage sehr schön, weil sie noch eine weitere Ebene hat: Wie behandeln wir uns selbst? Auch in unseren Führungsprinzipien beginnt Führung bei einem selbst. Es geht darum, sich selbst zu führen, dann ein Team und schließlich eine Organisation. Denn wenn man mit sich selbst nicht gut umgeht, wird es auch schwierig, gut mit anderen Menschen umzugehen.
Hammer: Was gehört für dich persönlich zu einem gesunden Leben?
Unterholzner: Gute soziale Beziehungen. Ohne gute soziale Beziehungen wäre ich persönlich sehr unglücklich – und wahrscheinlich auch nicht gesund. Und ich glaube, Menschen brauchen Aufgaben. Auch wenn ich irgendwann nicht mehr berufstätig bin, möchte ich weiterhin eine Aufgabe haben. Ich möchte meine Erfahrungen einsetzen und der Gesellschaft etwas zurückgeben. Wie diese Aufgabe genau aussieht, ist dabei gar nicht so entscheidend. Es geht darum, das Gefühl zu haben: Ich kann etwas beitragen. Das kann eine berufliche Tätigkeit sein, soziales Engagement oder auch die Betreuung der Enkelkinder. Eine Aufgabe gibt Struktur, Sinn und hält lebendig.
Hammer: Gab es Menschen, die dich auf deinem eigenen Weg besonders unterstützt oder geprägt haben?
Unterholzner: Wenn ich eine Person herausgreifen müsste, wäre es Gabi Domschitz, die heute Präsidentin des Wiener Roten Kreuzes ist. Sie war einmal meine Vorgesetzte und ist für mich ein großes Vorbild. Ich habe viel von ihr gelernt.
Hammer: Was davon möchtest du an jüngere Mitarbeiter*innen oder Führungskräfte weitergeben?
Unterholzner: Egal, wie schwierig eine Führungsaufgabe ist: Sie ist immer mit Wertschätzung zu lösen. Gerade in schwierigen Situationen darf man die Wertschätzung nicht verlieren. Als Führungskraft befindet man sich in einer Position, in der man Entscheidungsmacht hat. Umso wichtiger ist die Frage, wie man damit umgeht. Auch wenn etwas nicht funktioniert, sich eine Aufgabe verändert oder schwierige Entscheidungen notwendig werden: Man muss so miteinander umgehen, dass die Würde und der Respekt füreinander erhalten bleiben.
Egal, wie schwierig eine Führungsaufgabe ist: Sie ist immer mit Wertschätzung zu lösen.
Monika Unterholzner über ihren Führungsstil.
Hammer: Für unsere Arbeit ist eine vertrauensvolle soziale Beziehung ebenfalls die Basis. Viele Menschen, die zu uns kommen, haben erlebt, dass über sie hinweg entschieden wurde oder ihnen mit Vorurteilen begegnet wurde. Umso wichtiger ist für uns die Erfahrung: Hier werde ich ernst genommen. Hier begegnet mir jemand respektvoll.
Unterholzner: Genau. Und gerade wenn Menschen unsicher sind oder sich weniger zutrauen, macht der Umgang miteinander einen großen Unterschied. Ich habe das auch bei jungen Menschen erlebt, die während Covid wichtige Jahre ihrer Jugend verbracht haben. Manche tun sich bis heute schwerer damit, einen Termin auszumachen, auf ein Amt zu gehen oder bei einem Arztbesuch nachzufragen. Und ich habe Situationen miterlebt, in denen gerade diese Unsicherheit nicht besonders wertschätzend behandelt wurde. Das muss nicht sein. Wenn jemand jung oder unsicher ist und ein bisschen hilflos dasteht, ist das kein Grund, diese Person schlechter zu behandeln.
Hammer: Was wünschst du neunerhaus für die nächsten Jahre?
Unterholzner: Dass ihr weiterwächst, eure Flexibilität behaltet – und natürlich, dass ihr viele Spenden bekommt. Und ich glaube, Unternehmen können sich immer auch fragen: Was können wir über eine finanzielle Unterstützung hinaus beitragen? Welche Expertise haben wir? Wo können wir mit unserem Wissen helfen? Auch darüber kann und sollte man miteinander sprechen.