Armut zwischen Sozialkürzungen und Stigmatisierung

Die Entwicklung der Armutskennzahlen zeigt eine Tendenz zu verschärfender sozialer Ungleichheit und eine hohe Armutsbetroffenheit bestimmter Gruppen. Gleichzeitig werden vor dem Hintergrund eines Spardrucks der öffentlichen Hand und einem Rechtsruck in Politik und Gesellschaft Sozialleistungen gekürzt. Eine Gemengelage, die wir als einen „Klimawandel im Sozialen“ wahrnehmen. Zeit für eine analytische Einordnung.

Die Entwicklung der Armutskennzahlen im mehrjährigen Vergleich

Wenn von Armutskennzahlen gesprochen wird, dann sind damit die EU weit geltenden Indikatoren für Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung gemeint. Nach der Veröffentlichung der Zahlen für das Jahr 2025 durch die Statistik Austria am 29. April 2026 entfachte ein Ringen um die öffentliche Deutungshoheit der Ergebnisse. Waren die Zahlen vor allem für Sozialorganisationen Grund für Besorgnis, sahen andere Akteur*innen darin gar Zeichen für eine Entspannung der Armutslage.[1] Die Berichterstattung ist von den jeweiligen Blickwinkeln und der dazu passenden Akzentuierung bestimmter Zahlen geprägt.

Oft werden die jeweiligen Armutskennzahlen nur mit dem Vorjahr verglichen und Veränderungen zu einer strukturellen Tendenz stilisiert. Deutlich aussagekräftiger ist eine Einordnung der aktuellen Armutskennzahlen in eine mehrjährige Entwicklung (siehe Daten in Abbildung 1).

Tatsächlich ist die Armutsgefährdung in Österreich von 2024 auf 2025 markant angestiegen. In Wien liegt diese auf einem deutlich höheren Niveau und vermerkte bereits 2023 einen außerordentlichen Anstieg. Daraus lässt sich ohne Zweifel ein Trend zu steigender Armutsgefährdung ablesen. Das sagt uns aber noch nichts über die konkrete Armutslage der Menschen aus, da das Maß der Armutsgefährdung ein relativer Wert ist und „vergleichsweise niedriges Einkommen“ misst. Darunter fallen alle Menschen, die weniger als 60% des Medianeinkommens (1.827€ netto/Monat für Einzelpersonen) verdienen. Die steigende Armutsgefährdung sagt uns aber, dass die Einkommensverteilung ungleicher wird und untere Einkommen an Boden verlieren.

Das Maß für die konkrete Armutsbetroffenheit, die erhebliche materielle und soziale Deprivation, unterliegt in einer Mehrjahresbetrachtung teils starken Schwankungen und zeigt keinen Trend in eine Richtung. War sie 2023 und 2024 mit 3,7% und 336.000 Betroffenen vergleichsweise hoch, ist sie 2025 auf 2,9% gesunken. Das Maß der mehrfachen Ausgrenzungsgefährdung verknüpft beide Faktoren und bleibt verhältnismäßig stabil.

In der Zusammenschau lässt sich sagen, dass sozialstaatliche Leistungen, trotz Krisen, nach wie vor für viele armutsbekämpfend wirken, wenngleich die Armutsgefährdung tendenziell steigt und die Armutsbetroffenheit auf ähnlichem Niveau schwankt.

Arbeitslosigkeit und Bezug von Sozialhilfe als größte Armutsrisiken

Bestimmte Personengruppen (sogenannte Risikogruppen) hingegen sind deutlich schlechter gegen Armut abgesichert und waren zwischenzeitlich mit außerordentlicher Armutsbetroffenheit konfrontiert (siehe Abbildung 2).

Am stärksten trifft das auf Menschen zu, die arbeitslos sind oder eine sehr geringe Erwerbstätigkeit haben. In den Jahren 2023 und 2024 stieg die Armutsbetroffenheit in dieser Gruppe rasant an und betraf in etwa jede vierte Person (rund 25%). Nach einem Rückgang 2025 bleibt das Niveau dennoch außerordentlich hoch. Menschen, die Sozialleistungen beziehen, sind ebenfalls stark von Armut betroffen und kamen insbesondere in den Jahren 2023 und 2024 stark unter Druck. Bei ausländischen Staatsbürger*innen und Ein-Elternhaushalten kam es ebenfalls zu einem zwischenzeitlichen Anstieg der Armutsbetroffenheit, wobei die Betroffenheit in diesen Gruppen zuletzt wieder zurück ging.

Der Vergleich zu Abbildung 1 zeigt, dass die Armutsbetroffenheit bei diesen Risikogruppen deutlich höhere Schwankungen unterliegt und bei bestimmten Gruppen drei- bis viermal so hoch ist. Diese Gruppen sind deutlich weniger resilient gegenüber veränderten wirtschaftlichen Bedingungen und die Armutslage kann sich rasch dramatisch verstärken.

Klimawandel im Sozialen als gesellschaftliches Risiko

Anhand der Entwicklung der Armutskennzahlen sehen wir: Die unteren Einkommen verlieren an Boden, die konkrete Armutsbetroffenheit in der Gesamtbevölkerung schwankt, die Absicherung gegen Armut funktioniert nach wie vor für breite Bevölkerungsgruppen, jedoch nicht für bestimmte Personengruppen.

Vor dem Hintergrund eines Spardrucks der öffentlichen Hand und einem Rechtsruck in Politik und Gesellschaft entfacht eine raue öffentliche Debatte über Armut und zynischerweise über genau jene Personengruppen, die am stärksten von Armut betroffen sind, nämlich Menschen ohne Arbeit und/oder mit Sozialhilfebezug. Dieser zum Teil diffamierende politische und mediale Diskurs gekoppelt mit Kürzungen im Sozialbereich nehmen wir als Klimawandel im Sozialen wahr.

Auswirkungen dieses Klimawandels zeigen sich nicht nur in der Gesetzgebung, sondern auch in einer restriktiveren Verwaltungspraxis. Diese bescheinigt nicht zuletzt der Schatten- und Wahrnehmungsbericht der Armutskonferenz zum Zustand der Sozialhilfe. Dort wurden anhand der Befragung von rund 700 Expert*innen aus dem Sozialbereich diverse Mängel in der Abwicklung festgehalten, von der Antragstellung über die Kommunikation bis hin zu einem diskriminierenden Verhalten gegenüber Antragstellenden oder Beziehenden.

Im Ergebnis bedeutet dieser Klimawandel im Sozialen, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt, Solidarität mit armutsbetroffenen Menschen und armutsverhindernde sozialstaatliche Leistungen zunehmend unter Druck stehen und zu erodieren drohen. Dies hat nicht nur für betroffene Menschen unmittelbare negative Folgen, sondern betrifft alle in der Gesellschaft, indem soziale Sicherheit, gesellschaftliche Stabilität und Lebensqualität darunter leiden.

Armut verhindern, systemische Wirksamkeit erhöhen und Zusammenhalt stärken

Das Ziel eines ausgewogenen Budgets des öffentlichen Haushalts innerhalb definierter Schuldengrenzen ist nachvollziehbar. In der politischen Kommunikation betont Finanzminister Markus Marterbauer die Lasten möglichst gerecht zu verteilen und nicht „mit der Axt“ ins Sozialsystem einzugreifen.

Gut so und dennoch, aus unserer Sicht ist entscheidend: Es müssen Wege gefunden werden, die unteren Einkommen nicht weiter zu belasten und Einkommensungleichheit zu verringern, Sozialleistungen einheitlich und in armutssicherer Höhe zu sichern und armutsbetroffene Menschen im Besonderen zu unterstützen. Zusätzlich braucht es weiterhin und gerade jetzt Innovationen im Sozialbereich, um die individuelle und systemische Wirksamkeit sozialer Leistungen und Angebote zu erhöhen.

Es ist unsere gemeinsame Verantwortung mit einem Bündel an strukturellen Maßnahmen und individuellen Hilfestellungen armutsbetroffene Menschen aus ihrer Lage heraus zu helfen. Das verbessert nicht nur ihre Lebensbedingungen, sondern sichert den sozialen Zusammenhalt und kommt allen zugute.


[1] Eine beispielhafte Auswahl an Presseaussendungen bzw. Berichterstattungen:

Caritas Wien: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20260429_OTS0089/armutszahlen-sind-weckruf-fuer-doppelbudget-caritas-fordert-kurswechsel [Zugriff am 25.6.2026]
Volkshilfe Österreich: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20260429_OTS0037/wo-bleibt-die-kindergrundsicherung [Zugriff am 25.6.2026]
orf.at: https://orf.at/stories/3428301/ [Zugriff am 25.6.2026]
Die Presse: https://www.diepresse.com/22396574/die-armut-sinkt-aber-niemand-redet-darueber [Zugriff am 25.6.2026]
Profil: https://www.profil.at/meinung/schellhorn-armut-gefaehrdung-statistik-hilfsorganisationen/403164121 [Zugriff am 25.6.2026]

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