
Mario T.* lädt in seine Wohnung im neunerhaus Hagenmüllergasse ein. Anlass ist seine Kunst, die er dort schafft. Zwölf Jahre lang lebte Mario S. in Deutschland als Tagelöhner, eine Wohnung hatte der heute 54-jährige Niederösterreicher damals keine. Auch in Österreich war er obdachlos. Ein Gespräch über Kunst, Kupfer und Obdachlosigkeit.
Mario T.: Komm herein! Ich muss kurz das Wasser zurückdrehen. Ich mache mir gerade einen Earl Grey. Willst du auch einen?
neunerhaus: Vielen Dank, ich habe Wasser dabei.
Mario T.: Macht es dir was aus, wenn ich rauche? Willst du auch eine?
Nein nein, rauch nur. In deiner Wohnung hängen deine Kunstwerke an den Wänden, sogar die Werkbank steht drinnen. Warst du schon immer künstlerisch tätig?
Nein, eigentlich nicht. Das ist mit der Wohnung gekommen. Ich habe lange keine Wohnung gehabt, nichts. Ich habe gemerkt, wenn man eine Wohnung hat, da kann man mal entspannen.
Welchen Unterschied macht es noch für dich, in einer Wohnung zu sein?
Naja, der Unterschied ist, dass man Ruhe hat und sich entspannen kann. Man kann sich selbst finden, die Tür zu machen. Ich bin da daheim. Ich schau‘ immer, dass ich einen Freiraum habe, dass ich mich bewegen kann, weil, das ist nichts, wenn alles vollgeräumt ist.
Warum wurdest du obdachlos?
Ich war mit einer Frau beieinander, lange. Und die hat die Wohnung gehabt. Und dann ist die Beziehung auseinander gegangen. Und dann habe ich praktisch nichts mehr gehabt. Da war ich 33 oder 35.
Wie war das, die Wohnung zu verlieren?
Ja, das war (überlegt, setzt neu an). Also, die ersten Tage, das weiß ich noch ganz genau, da sitzt du mal da, und hast nix. Die ersten, die dir da helfen, sind die obdachlosen Menschen selbst. Denen ich früher das Geld gegeben und geholfen habe, als ich noch eine Wohnung gehabt habe, die haben mir dann geholfen.
„Ich war ja lange auf der Straße, viel zu lange obdachlos. Nebenbei habe ich meistens als Tagelöhner gearbeitet.“
Mario T. war obdachlos. Heute lebt er im neunerhaus Hagenmüllergasse. Von dort will er nicht mehr ausziehen.
Du warst 35, als du eine Wohnung verloren hast. 20 Jahre später bist du im neunerhaus Hagenmüllergasse erstmals wieder in die eigenen vier Wände gezogen. Wie war das?
Ich war skeptisch, muss ich wirklich sagen. Weil, ich war in so vielen Häusern. Aber hier hat es gepasst. Die Sozialarbeiter*innen sind alle in Ordnung, die helfen mir überall, wenn ich was brauche. Ich möchte nicht mehr weggehen. Ich möchte bleiben. Ich ziehe da nicht aus.
Das ist schön zu hören.
Naja, ich denke oft an die Zeit, in der ich obdachlos war, wie das war. Dass ich das überhaupt ausgehalten habe, das wundert mich.
Was musstest du aushalten?
Ich bin jeden Tag nach der Arbeit ins Schwimmbad gegangen. Da kann man sich waschen und rasieren. Ich wollte nicht, dass die Leute wissen, dass ich keine Wohnung habe. Mir hat man das nicht angesehen. Geschlafen habe ich zum Beispiel in einem Versteck in einem U-Bahn-Schacht. Draußen war es kalt, saukalt, ich habe nicht gewusst, wohin. Und dann war da so eine Tür, drinnen war Licht und es war warm. Dort habe ich ein paar Monate gewohnt. Eine Ratte hatte ich als Freund, der habe ich was zum Essen gegeben.
Du hast in der Zeit als Tagelöhner gearbeitet, aber hattest keine Wohnung. Wie war das?
Na, was denn! Du hast immer Stress. Da kannst du nirgendwo entspannen. Außer am Wochenende. Samstag und Sonntag war frei. Samstags bin ich sofort in die Bibliothek, da ich habe meine Bücher gehabt, aber meistens bin ich eingeschlafen. Am Anfang haben sie mich noch aufgeweckt. Aber dann haben sie mich schlafen lassen.
Warum hattest du keine Wohnung, obwohl du gearbeitet hast?
Ich habe ich nur geschaut, dass ich eine Baustelle, eine Arbeit habe, sonst nichts.
Reden wir noch einmal über deine Kunst. Deine Figuren bestehen hauptsächlich aus Kupfer. Warum genau dieses Material?
Ich habe früher auf Baustellen gearbeitet, entweder im Abbruch oder als Hilfsarbeiter. Da haben wir Kupfer gehabt und die Reste haben wir verkauft. Mit dem Geld haben wir Essen und Benzin fürs Auto bezahlt. Ja, und wie ich hier eingezogen bin, habe ich nach und nach Werkzeug gekauft, einen Hammer, einen Schraubstock, Zwingen. Kupfer kaufe ich am Schrottplatz. Das schleife ich dann ab. Das Abschleifen ist die meiste Arbeit.
Hast du ein Kunstwerk, das die besonders wichtig ist?
Mir ist das eigentlich nicht so wichtig, ich sage es, wie es ist. Das sind Sachen, die mache ich in meiner Freizeit. Wenn mir was einfällt, mach ich‘s, und wenn mir nichts einfällt – ich habe momentan so eine Phase, in der fällt mir nichts ein – dann hab‘ ich Pech gehabt. Hier (öffnet ein Schranktür), habe ich so kleine Schaufeln gemacht, weil mir fad war.
Dort oben ist eines deiner Werke, das Orakel von Delphi. Warum lässt du in deinen Werken die griechische Mythologie einfließen?
Ich lese viel über die griechische Mythologie. Man muss sich das vorstellen, die haben früher nichts gehabt, keinen Fernseher, kein Radio, gar nichts. Und deswegen sind ihnen so Sachen eingefallen, mit den Götter und mit dem ganzen Zeugs. Das (zeigt auf eine Figur am Schreibtisch, der vor dem Fenster steht) ist der Minotaurus, aber abgemagert.
Warum hast du den abmagern lassen?
Ist mir einfach so eingefallen.
Um bei der griechischen Mythologie zu bleiben, wann kriegst du Muse, um künstlerisch tätig zu sein?
Ich weiß nicht, keine Ahnung. Ich lasse mich überraschen. Das kommt oft schnell daher, oft über Nacht. Das kann ich gar nicht steuern.
Wie war es, deine Kunstwerke im Haus auszustellen?
Ich war schüchtern, ich habe Angst gehabt und mich zuerst nicht getraut. Ich habe ‚Nein‘ gesagt, ich möchte meine Ruhe haben. Weil, es ist das Innerste, das man hergibt. Es kommt von ganz innen.
Und dann hast du dich doch überwunden und ausgestellt.
Ich war dann freier.






Wohnen als Basis
Die eigenen vier Wände sind das Fundament, das ein gesundes, selbstbestimmtes Leben und soziale Teilhabe ermöglicht. Wer kein Zuhause hat, verliert mehr als das Dach über dem Kopf. Das neunerhaus Hagenmüllergasse ist eines von drei neunerhaus Wohnhäusern, in denen insgesamt 245 Menschen einen Ort zum Ankommen und zur Stabilisierung finden. Und zwar in ihren eigenen Wohnungen und ihrem eigenen Schlüssel.
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*Name auf Wunsch geändert