„Du bist nicht dein Umfeld!“

Absolvent Richard D. kurz vor seinem Abschluss Foto: neunerhaus

Richard D. wuchs zwischen Rotlichtmilieu, Wirtshaus und Heimen auf. Als Erwachsener saß er zweimal im Gefängnis. Dass es dennoch immer Menschen gab, die an ihn glaubten, führte in seinem Leben zu einer Kehrtwende. Jetzt will er als Peer obdach- und wohnungslose Mensch unterstützen.

Du bist bald 58 Jahre alt und hast gerade den Zertifikatskurs am neunerhaus Peer Campus abgeschlossen. Was wünschst du dir für die Zukunft?

Dass ich noch sehr lange als Peer arbeiten kann. Am liebsten noch länger als bis zu meinem 65. Geburtstag. Ich habe in meinem ganzen Leben tatsächlich nicht länger als zehn Jahre am Stück gearbeitet. Das will ich nachholen.

Was gehört für dich zu einem guten Leben?

Freunde. Gesunde Ernährung und geistiges Futter.

Wie bist du obdach- bzw. wohnungslos geworden?

Da muss ich etwas ausholen. Tatsächlich bin ich in dieser Situation aufgewachsen. Meine Mutter war Prostituierte, Sexarbeiterin. Das Gericht hat mich meinem Vater zugesprochen. Er ist nach wie vor Misanthrop, schwerer Alkoholiker, Schläger und Wirtshaussäufer. Es war nicht die beste Umgebung für einen intelligenten Menschen. Ich war ständig in Wirtshäusern und in den Bordellen. So bin ich aufgewachsen. Ich war mit dieser prekären Situation so vertraut, dass ich erst mit 18 oder 19 Jahren gemerkt habe, dass das gar nicht normal ist. In neun Schuljahren war ich auf sieben Schulen, bin überall rausgeflogen, auch aus einem Kinderheim. Ich war unerträglich. Heute bin ich anders, habe mich um 180 Grad verändert und sogar meinen alten Spitznamen abgelegt.

„Ich bin unter Raubtieren aufgewachsen und habe mich auch so verhalten.“

Absolvent Richard D. über sein Umfeld und wie es ihn geprägt hat.
Was war dein Wendepunkt?

Ich habe mehrere Schlüsselmomente erlebt. Immer wieder haben Menschen etwas in mir gesehen und mir eine Chance gegeben. Einmal war es der Direktor des Heims für schwer erziehbare Kinder, der sich dafür einsetzte, dass ich bleiben durfte. Ein anderes Mal war es ein Richter, der sagte: „Sie haben ein Hirn, also benutzen Sie es auch! Wenn ich Sie noch einmal hier sehe, sperre ich Sie weg!” Das hat sehr viel in mir ausgelöst. Das war meine „Zäsur“. Ich habe angefangen, Dinge zu lesen und zu studieren. Ich habe gelernt, dass die Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, mich geprägt hat. Eine andere Umgebung hätte mich auf einen völlig anderen Weg gebracht. Mein Weg war lang. Durch meine Drogensucht habe ich sehr viel Zeit verschwendet.

Was sollte man über obdach- und wohnungslose Menschen wissen?

Es kann jedem passieren. Man kann entweder selbst betroffen sein oder in diese Situation hineingeboren werden. Menschen zu marginalisieren und zu stigmatisieren, nur weil sie kein Dach über dem Kopf haben, halte ich für extrem oberflächlich.

Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen?

Ich würde ihm sagen: „Rich, vertraue auf dich, du hast die Power, du kannst da raus. Du bist definitiv nicht deine Umgebung, aber du bist so gemacht worden. Du bist gut, so wie du bist. Du bist kein Arschloch, so wie es dir dein Vater 14 Jahre lang eingeredet hat. Das ist eine falsche Schlussfolgerung. Vertraue also auf dich selbst und deine Fähigkeiten, dann wirst du etwas erreichen.“

Was gibt es noch über dich zu wissen?

Ich lese sehr viel und sehr gern. Hauptsächlich Sachbücher. Das ist jetzt eine Ausnahme, Hermann Hesses Siddharta (hat das Buch in der Hand). Belletristik mag ich auch, aber viel lieber Sachbücher. Ja, Yoga, Fitness und Zirkeltraining mache ich regelmäßig, auch wenn ich halb dabei sterbe. Ich bin jetzt im 58. Lebensjahr und fühle mich eigentlich wie Mitte 30 herum. So fühle ich mich tatsächlich auch. Ich achte auf meine Ernährung.

Worauf bist du stolz?

Das ich es raus geschafft habe.


Peers der Wohnungslosenhilfe – Erfahrung wird zur Expertise

Am neunerhaus Peer Campus absolvieren ehemals obdach- und wohnungslose Menschen einen siebenmonatige Ausbildung. Diese Ausbildung befähigt sie zur Arbeit in der Wohnungslosenhilfe und ermöglicht ein eigenständiges Einkommen.

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