Niemand weiß, dass Manuel H. in Armut lebt. Der junge Niederösterreicher lebt noch nicht sehr lange in Wien und ist zum dritten Mal im neunerhaus Café, als er sagt: „Ich habe gerade kein Geld, aber das wissen meine Eltern nicht.“ Warum das so ist, hat er neunerhaus erzählt.
Entwurzelt. Über die Kindheit und das Erwachsenwerden
Der 22-Jährige hat ein freundliches, offenes Wesen. Mit einer heißen Tasse Tee setzt er sich zu zwei älteren Herren, kommt mit ihnen schnell ins Gespräch und unterstützt einen der beiden Herren am Smartphone. Sein gutmütiges Auftreten sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er schon viel erlebt hat. Manuel H., der eigentlich anders heißt, berichtet von einer gewalttätigen Mutter, von Vernachlässigungen und Misshandlungen und vom Gefühl, allein gelassen worden zu sein. Vom Vater, der getrennt lebte und von den Behörden, die seiner Meinung nach viel früher hätten eingreifen müssen. Er kämpft sich so lange durch, bis er mit Anfang 20 alleine nach Wien geht.
„Sie haben mich meiner Mutter nie weggenommen.“
Manuel H. erfuhr als Kind und Jugendlicher Gewalt.
Versteckt. Über die Suche nach dem eigenen Glück und den Glauben
Manuel H. wächst in einem sehr konservativen Umfeld auf. Die Mutter beschreibt er als religiös. Auch er ist gläubig, aber da gibt es etwas, weswegen er von seiner ursprünglichen Glaubensgemeinschaft Ausgrenzung und Ablehnung erfahren würden. Bereits im Alter von 12 Jahren wusste Manuel H., dass er auf Männer steht. Als er sich mit 17 vor der Klasse outete, war das kein Problem sagt er. Seine Eltern wissen es bis heute nicht. Auch in der Glaubensgemeinschaft wäre seine sexuelle Orientierung ein Tabubruch, den er nicht wagen will. Er hat diesen Teil, und damit sich selbst, lange verleugnet.
„Ich musste mich verstecken. Das hat mir sehr weh getan. Irgendwann habe ich realisiert, ich kann den Menschen nicht die ganze Zeit irgendwas vorgaukeln. Irgendwann möchte ich auch glücklich sein.
Manuel H. wusste sehr früh, dass er homosexuell ist. Sich selbst so zu akzeptieren, fiel ihm nicht leicht.
Bis heute war er in keiner Beziehung. Gemeinschaft erfährt er gerade sehr in der neuen Glaubensgemeinschaft, die er in Wien gefunden hat. Diese akzeptiert Homosexualität, dort fühlt er sich so angenommen, wie er ist. Die Gemeinschaft gibt ihm psychischen, emotionalen und spirituellen Halt.
Verheimlicht: Scham und Vorurteile.
Manuel H. wohnt in einer WG, es sei eine Zweck-WG, sagt er. Fast hätte er das Zimmer verloren, weil er die Miete einmal nicht bezahlen konnte – sein Antrag auf Mindestsicherung war noch nicht durch. Nach Abzug seiner Miete bleiben ihm etwa 400 Euro im Monat. Als er vor Kurzem nur mehr 20 Euro am Konto hatte, recherchierte er nach Lebensmittel für Armutsbetroffene. So ist er auf das neunerhaus Café gekommen. Sein Umfeld wisse nicht, dass er gerade in Armut lebt, erzählt er und präzisiert: „Ich tue einfach so, als wäre ich ein Mittelständler, genau wie alle anderen.“
Manuel H. verabschiedet sich. Bevor er sich auf die Abendschule vorbereitet, holt er sich noch ein Mittagessen im Neunerhaus Café. Ob ihn die Kürzungen der Mindestsicherung treffen werden, weiß er noch nicht. Er hofft, dass er die Matura nachholen kann, denn irgendwann möchte er einen akademischen Beruf ergreifen. Und irgendwann möchte er eine eigene Familie mit vielen Kindern, denen er ein gutes Leben ermöglichen möchte.
Junge Erwachsene in Wien – besonders armutsgefährdet
Junge Erwachsene, dazu zählt die Stadt Wien alle bis 25, sind besonders armutsgefährdet. Ihre Armutsgefährdungsquote liegt bei 36,5 %. In anderen Worten: In Wien ist jede dritte Person unter 25 von Armut bedroht (Stand 2023, Stadt Wien). 2.370 junge Menschen im Alter zwischen 18 und 30 waren 2024 in der Wiener Wohnungslosenhilfe registriert (Stand 2024, Fonds Soziales Wien).
Junge Erwachsene bei neunerhaus
2024 wurden 1.024 junge Menschen, die entweder nichtversichert oder obdach- oder wohnungslos waren, medizinisch versorgt, 114 Personen erhielten in unseren Wohnhäusern ein Zuhause. 86 junge Menschen wurden in ihren eigenen Wohnungen betreut und 6 junge Menschen haben am neunerhaus Peer Campus die Ausbildung zum Peer der Wohnungslosenhilfe abgeschlossen.
In der 56. Ausgabe der neuner News berichten junge Menschen, die selbst einmal von Obdach- oder Wohnungslosigkeit betroffen waren, wie sie den Weg zurück in ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben gefunden haben. Hier durchblättern.