Junge Menschen im Überlebensmodus

Doris K. begleitet junge Menschen, die obdach- oder wohnungslos wurden © Christoph Liebentritt

Doris K. gibt Einblick in die Lebenswelt junger Frauen, die obdach- oder wohnungslos waren und führt durch den fünften Stock im neunerhaus Billrothstraße – ein Bereich nur für Frauen.

Extreme Ansprüche an ein junges Leben

Bald könnte Doris K. in Pension gehen. Davon will die ausgebildete Lebens- und Sozialberaterin vorerst noch nichts wissen. Seit zwölf Jahren arbeitet sie im neunerhaus Billrothstraße. Seit 2023 wird die Einrichtung als Chancenhaus für junge obdach- und wohnungslose Menschen geführt. „Die Arbeit mit den jungen Leuten hält mich jung“, sagt sie, während sie durch den denkmalgeschützten Altbau im 19. Wiener Gemeindebezirk in den fünften Stock hinaufgeht. Einen Aufzug gibt es nicht. Vor einer verschlossenen Eisentürbleibt sie stehen. „Das Leben hat extreme Ansprüche an die jungen Leute gestellt“, erzählt Doris K. Damit meint sie die unerträglichen, ja eigentlich unaushaltbaren Dinge, die junge Menschen bereits erleben mussten: Gewalt, Missbrauch, Verluste und Erkrankungen. „Wenn die Bewohner*innen ins Chancenhaus einziehen, haben sie bereits einen langen, oft schwierigen Weg hinter sich“, fährt sie fort und bringt ihre große Anerkennung zum Ausdruck: „Ein ungesundes Umfeld zu verlassen erfordert enormen Mut.

Ein Stockwerk nur für Bewohnerinnen
Im neunerhaus Billrothstraße ist der fünfte Stock nur für Frauen zugänglich.

Doris K. öffnet die Tür zum fünften Stock . Dahinter liegt der Frauenwohnbereich. Männer haben hier keinen Zutritt. Es ist ein geschützter Ort für junge obdachlose Frauen – ein Angebot, das im niederschwelligen Bereich lange gefehlt hat. Denn Frauen, insbesondere junge Frauen, sind anders und oft verdeckt von Obdach- und Wohnungslosigkeit betroffen. Sie waren häufiger Übergriffen und Gewalt ausgesetzt – auch, und gerade in Beziehungen. Im Wohnhaus gibt es Angebote, die auf die Bedürfnisse der jungen Frauen zugeschnitten sind. So organisiert Doris K. beispielsweise einen offenen Frauentreff, in dem die jungen Frauen über ihre Erfahrungen, Sorgen und Ängste sprechen können. Der Termin wird von einer externen Psychologin begleitet. Zum Alltag im Haus gehört auch, dass die Bewohnerinnen auf kostenlose Tampons und Binden zurückgreifen können, denn für viele sind diese Dinge keine Selbstverständlichkeit.

„Wir haben eine Vorbildfunktion, gerade wenn es um Gleichberechtigung gibt. Im Haus arbeiten Kolleginnen und Kollegen auf Augenhöhe.“

Für Doris K. ist es wichtig, im Arbeitsalltag Haltung zu zeigen.
Alarmbereitschaft abstellen und (Selbst-)Vertrauen fassen
Doris K. und Bewohnerinnen © Christoph Liebentritt

Die Bewohner*innen im neunerhaus Billrothstraße waren ihr ganzes junges Leben lang im Überlebensmodus. Viele von ihnen sind psychisch schwer belastet. Der Weg in ein selbstständiges Leben ist selten geradlinig, sondern oft von Rückschlägen gesäumt. Es braucht Zeit, bis die Bewohner*innen Vertrauen zu sich selbst und dem Team in der Billrothstraße fassen und an ihren Perspektiven arbeiten können. Das Ziel ist dabei immer, möglichst bald wieder eigenständig wohnen zu können. Mit allem, was zu einem jungen Leben dazugehört: ein sicheres Zuhause, eine Ausbildung oder Arbeit, die Freude bereitet und ein Umfeld, das einen respektiert und wertschätzt.

Während uns Doris K. all das erzählt, kehren zwei Bewohnerinnen in ihr vorübergehendes Zuhause zurück. Sie erkundigt sich nach ihrem Tag und plaudert im offenen, freundlichen Ton mit ihnen. Sie fragt sie, ob sie nicht mit aufs Foto möchten. Sie möchten. Hier ist der Vertrauensaufbau gelungen. Langsam geht der Überlebensmodus in einen Lebensmodus über.


Weibliche Obach- und Wohnungslosigkeit ist anders

In Österreich sind 6.629 Frauen offiziell als obdach- oder wohnungslos registriert. Das entspricht rund einem Drittel aller erfassten Betroffenen. Die Dunkelziffer ist jedoch weitaus höher. Sie sind verdeckt wohnungslos. neunerhaus schafft Angebote und eine Atmosphäre, die wohnungs- und obdachlosen Frauen Sicherheit bieten. Über die strukturellen Ursachen weiblicher Obdach- und Wohnungslosigkeit und darüber, wie der Weg in ein selbstbestimmtes Leben langfristig gelingen kann, informieren wir auf neunerhaus.at/frauen.


Das neunerhaus Billrothstraße bietet als Chancenhaus rasch und unbürokratisch Wohnplätze für 18- bis 30-Jährige, die von Obdach- oder Wohnungslosigkeit betroffen sind. Ein engagiertes Teambegleitet die jungen Bewohner*innen in dieser krisenhaften Zeit und arbeitet mit ihnen gemeinsam an einer Perspektive und einer selbstbestimmten Zukunft.


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