Über einen, der kein Held (mehr) sein will

Patrick S. fand mit neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen eine leistbare Wohnung und eine neue berufliche Perspektive © Christoph Liebentritt

2019 eröffnete der Patrick S. sein eigenes kleines Lokal im 7. Wiener Gemeindebezirk. Die Medien trugen ihn auf Händen, das Lokal wurde innerhalb kürzester Zeit mit drei Hauben ausgezeichnet. Auf den Höhenflug folgte ein tiefer Absturz. Nach zwei Jahren ohne festen Wohnsitz bezog Patrick S. im November 2025 mithilfe von neunerhaus eine Wohnung. Was war passiert? Eine Annäherung in fünf Akten.

Der Sumpf

Patrick S. beginnt seine Geschichte an dem Punkt zu erzählen, an dem er seinem Leben ein Ende setzen wollte. Das war sein Weckruf. „Es gibt nie nur eine Ursache“, stellt Patrick S. bei einem Kaffee unweit seiner neuen Wohnung in der Wiener Donaustadt fest und denkt über die Frage nach, warum er wohnungslos geworden ist: „Es ist ein Sumpf, aus dem man allein nicht mehr herauskommt.“ Nach einigen Auslandsaufenthalten kehrte er 2019 nach Österreich zurück und stand von da an in der Küche seines eigenen Restaurants. Patrick S. pendelte bald zwischen zwei Welten: 2021 wurde er zum Aufsteiger des Jahres gekürt, sein Restaurant erhielt drei Hauben. Doch die Auszeichnungen setzten ihn enorm unter Druck. Gleichzeitig machten Einbußen und Umsatzausfälle aufgrund der Corona-Pandemie auch vor dem gebürtigen Kärntner nicht halt. „In einer Zeit, in der es eigentlich darum gehen sollte, eine Stammkundschaft aufzubauen, veränderte die Pandemie das Konsumverhalten der Gäste. Testungen und Abstandsregeln erschwerten Tagesabläufe zusätzlich“, so Patrick S. Er hatte viel in das Lokal investiert und einen Kredit aufgenommen. Irgendwann konnte er die laufenden Kosten jedoch nicht mehr decken. Die Schulden wurden mehr. Seine Ehe zerbrach.

Die Scham

Nicht nur die Welt geriet in den Jahren während und nach Corona aus den Fugen. Rückblickend weiß Patrick S., dass er sich damals in einem psychischen Ausnahmezustand befand. Doch Scham, Überforderung und gesellschaftliche Erwartungen verstellten den Blick. Selbst als schon alles verloren schien, habe er noch versucht, „das Ruder heldenhaft herumzureißen“. Das passte zu jenem Patrick, der er lange war. Einer, der Ideen spann, Lösungen entwickelte und ein Projekt nach dem anderen umsetzte. Doch das Ruder herumzureißen, sollte diesmal nicht gelingen: „Man ist permanent am Ausrutschen. Man bekommt keinen Boden mehr unter die Füße.“

„Scheitern ist in der Gesellschaft nur eine Randnotiz und die Scham, sich Hilfe zu suchen, zu groß.“

Lange Zeit versuchte Patrick S. seine Situation zu kaschieren.
Die Auflösung

Patrick S. verliert seine Wohnung und schläft zunächst in seinem Lokal, bis er auch das aufgeben muss. Auf den Investitionskosten bleibt er sitzen. Zwei Jahre lang hat er keinen festen Wohnsitz, schlägt sich durch, kommt bei Freund*innen unter. Wie ist es, keine eigenen vier Wände zu haben? Patrick S. antwortet: „Man kann sich nirgends waschen, hat kaum soziale Kontakte und ist trotzdem irgendwie over-socialized, weil man von Sofa zu Sofa zieht. Man kommt nirgendwo an. Schon gar nicht bei sich selbst.“ Er selbst verurteilte sich damals am stärksten. Er wollte sich auflösen, verschwinden. „Alkohol wurde zum Betäubungsmittel, weil ich mit der Situation nicht mehr zurechtkam und keinen anderen Ausweg sah oder fand.“ Nach zwei Jahren der Wohnungslosigkeit versuchte Patrick S., sich das Leben zu nehmen.

„Bis zum Beinahe-Crash war mein Leben wie ein Rennen, bei dem ich nicht wusste, wo das Bremspedal ist.“

Patrick S. konnte mithilfe von neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen eine leistbare Wohnung beziehen.
Das Ankommen

Sein Suizidversuch war sein Weckruf. Er begab sich in Therapie. Doch nach dem stationären Aufenthalt stand er auf der Straße. Er hatte Schulden angehäuft und kein eigenständiges Einkommen mehr. Aus dieser Position heraus ist es am freien Wohnungsmarkt kaum möglich, eine leistbare Wohnung zu finden. Er galt nun offiziell als wohnungslos. So dockte er bei neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen an. Er ist einer von 1.151 Menschen, die 2025 über dieses Angebot unterstützt werden konnten. Mit seiner Sozialarbeiterin erstellte er einen Plan zur Schuldenregulierung. Gemeinsam mit neunerimmo, der Tochtergesellschaft von neunerhaus, gelang es, eine leistbare Wohnung zu finden. Im Herbst vergangenen Jahres erhielt er die Schlüssel für seine Wohnung im 22. Wiener Gemeindebezirk. Seine Einzimmerwohnung hat er minimalistisch eingerichtet. Ein Sofa. Ein Bett. Ein Schreibtisch, an dem er Musik macht. In der Küche: Eine Töpferscheibe.

Patrick S. an seinem Schreibtisch © Christoph Liebentritt

„Ich wusste zum ersten Mal, was es eigentlich heißt, wenn man die Tür hinter sich zumachen, sich duschen, sich hinlegen und abschalten kann. Einen Ort zu haben, an dem man wirklich zur Ruhe kommt.“

Patrick S. war zwei Jahre lang wohnungslos.

Bereits während seines Therapieaufenthalts wurde ihm klar, dass er sich beruflich neu orientieren und im Sozialbereich arbeiten möchte. Bei seiner Sozialarbeiterin von neunerhaus fand er dafür ein offenes Ohr. Sie erzählte ihm von der Ausbildung zum Peer der Wohnungslosenhilfe am neunerhaus Peer Campus. Jährlich bewerben sich etwa 100 ehemalige obdach- und wohnungslose Menschen für die achtmonatige Ausbildung, von denen 20 aufgenommen werden. Viele Teilnehmer*innen mussten ihre Wohnungslosigkeit bei der Jobsuche lange Zeit verstecken. Als Peer wird diese Erfahrung zur Expertise. Für die einen ist eine Anstellung als Peer der erste Job nach einer brüchigen Berufsbiografie. Für andere, wie für Patrick S., ist es eine Möglichkeit, auch ohne Matura oder Studium einen Sozialberuf zu ergreifen.

Die Verlangsamung
Diesen Vogel gibt Patrick S. nicht her © Christoph Liebentritt

Wie definiert der ehemalige Szene-Koch heute Erfolg? Sein „Beinahe-Crash“, wie er es nennt, habe ihn gezwungen, langsamer zu werden und langsamer zu leben. Er widmet sich seiner Gesundheit und nimmt sich Zeit, die vergangenen Jahre zu verarbeiten und innerlich zu heilen. Manchmal hilft er im neunerhaus Café als ehrenamtlicher Koch aus. Er erzählt von Freund*innen, die er besucht und mit denen er über die Vergangenheit spricht. Er befindet sich nach wie vor in Therapie, da es seiner Meinung nach Dinge gibt, die weder von der Familie noch von Freund*innen aufgefangen werden können – und sollten.

Während diese Ausgabe entstand, erhielt Patrick S. die Zusage für die Ausbildung am neunerhaus Peer Campus, die im Herbst 2026 startet. Erfolg bedeutet für den heute 43-Jährigen, zur Ruhe zu kommen. Die Arbeit an der Töpferscheibe hilft ihm dabei. „Der Ton verzeiht dir keine Spannungen.“ Neben maßgefertigten Schalen für Freund*innen und Bekannte fertigt er auch Vögel an. „Jeder hat doch irgendwo einen Vogel“, sagt er und lacht. Dann fällt die Tür hinter ihm ins Schloss.


Ein Neuanfang nach schweren Zeiten

Patrick S. verlor seine Wohnung. Heute bereitet er sich auf eine Ausbildung am neunerhaus Peer Campus vor. Damit noch mehr Menschen diesen Weg schaffen, braucht es Unterstützung wie Ihre. Jede Spende zählt.


Dieser Text erscheint in der 59. Ausgabe der neuner News – das Spendenmagazin von neunerhaus. Ihr Beitrag schreibt Geschichten.

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