
Frau C. hat schwierige Erfahrungen gemacht. Nach dem Verlust ihrer Wohnung und einer Phase der Obdachlosigkeit sieht sie sich mit Vorurteilen und Ausgrenzung konfrontiert – unter anderem wegen ihres Gewichts. Die Bewohnerin des neunerhauses Hagenmüllergasse kann sie sich passende Kleidung kaum leisten und startete deshalb einen Aufruf. Wenn Körpergewicht zur Frage sozialer Teilhabe wird.
Gesellschaftliche Ausgrenzung am eigenen Leib. Oder: Shoppen als wohnungslose Frau

Im Kleiderschrank von Frau C. hängen nur wenige, aber ausgewählte Kleidungsstücke. Ihre Shopping-Touren sind schnell vorüber, denn die Auswahl in Second-Hand-Läden ist sehr beschränkt und die Preise in Geschäften für große Größen zu hoch. Wenn die 63-Jährige etwas findet, das passen könnte, ist das ein Glückstag sagt sie. Beiläufig erwähnt sie, dass sie die Sachen vor Ort gar nicht anprobiert. Sie befürchtet, für andere abstoßend zu sein.
„Kleider machen Leute“, sagt sie. Es sei nicht nur frustrierend, nichts Passendes zum Anziehen zu haben, sondern auch eine Form der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Sie berichtet von Einschränkungen im Alltag: Man habe nicht genügend Wechselkleidung, um jeden Tag saubere Kleidung zu tragen – gerade im Sommer bei hohen Temperaturen sei das ein großes Problem. Am liebsten trägt sie sportlich-elegante und funktionale Kleidung in den Farben Blau oder Schwarz. Aber wählerisch sein kann sie sich nicht leisten: „Man schaut nicht, wie es aussieht. Man ist froh, wenn man hineinpasst.“
Wie ein Blackout ODER: „Ein schmerzliches Aufwachen.“
Wenn Frau C. ihr Anliegen vorträgt, wählt sie ihre Worte mit Bedacht – und spricht dabei nicht nur für sich. Auch andere Bewohnerinnen und Bewohner stehen vor demselben Problem wie sie: Sie suchen nach Kleidung in großen Größen, die bezahlbar ist. Deshalb hat sie sich an ihre Sozialarbeiterin gewandt. Noch vor einiger Zeit wäre es undenkbar gewesen, dass Frau C. sich auf diese Weise um sich selbst kümmert. Seit zwei Jahren lebt sie im neunerhaus Hagenmüllergasse. In den letzten Wochen verbesserte sich ihre Gesundheit massiv – das gesamte Team im Haus und Frau C. haben unermüdlich daran gearbeitet. Was ist passiert? Frau C. führte in Wien ein angenehmes und arbeitsreiches Leben. Sie arbeitete in namhaften Hotels als Servicekraft und Stubenmädchen und kümmerte sich als Alleinerzieherin um ihre beiden Kinder. Dann erkrankte ihr Sohn. Fünf Jahre lang kämpfte er gegen den Gehirntumor. Am Ende siegte der Krebs. „Ich habe mr gesagt: das Leben muss weitergehen.“ Es ging weiter, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Während der Erkrankung ihres Sohnes kam es immer wieder zu Erwerbsausfällen, denn sie wollte für ihr Kind da sein. Sie häufte Schulden an. Nach dem Tod ihres Sohnes ging sie wieder arbeiten. Das Gehalt reichte jedoch kaum.
„Dann kam der große Zusammenbruch. Eine Nervenkrise nach der anderen. Plötzlich ist alles auseinandergefallen. Das war wie ein Kurzschluss, es ist alles bergab gegangen.“
Frau C. verlor ihren Sohn. Ihr eigenes System versagte zeitverzögert.
Frau C. verlor die Wohnung. Das war vor etwa zehn Jahren. Was genau in der Zeit bis zu ihrem Einzug ins neunerhaus Hagenmüllergasse geschah, daran kann und will sie sich nicht erinnern. Sie erinnert sich jedoch an ihr schmerzliches Aufwachen, wie sie es nennt. Der Winter mit seinen kalten und finsteren Tagen setzte ihr zu. Über Weihnachten 2025 besuchte sie Verwandte. Dort fand sie zu sich: „Ich bin zu mir gekommen, habe sortiert, bin in sehr vielen Sachen aufgewacht. Es war ein schmerzliches Aufwachen.“ Lange habe sie nicht an Morgen gedacht, erzählt sie. Heute tut sie das wieder. Sie arbeitet gemeinsam mit der Sozialarbeiterin an einem Tagesstrukturplan. Langfristig möchte sie in eine eigene Wohnung ziehen. Mittlerweile ist sie nämlich auch Oma geworden und möchte dort mit ihren Enkelkindern kochen. Und die Kleiderfrage? Sie hofft, dass durch den Aufruf genug Kleidungsstücke zusammenkommen, sodass sie und die anderen Bewohner*innen so kleiden können, dass sie sich wohl fühlen und zumindest durch die Kleidungsfrage nicht mehr ausgegrenzt werden.
Spendenaufruf
Wir suchen Kleidung für jede Jahreszeit in Übergrößen (ab 50 bis 56). Bitte nur gewaschen und in gutem Zustand.
- T-Shirts kurz und lang
- Pullis
- Jacken
- Hosen, Röcke
- Kleider
- Unterwäsche
neunerhaus Hagenmüllergasse
Hagenmüllergasse 34
1030 Wien
Abzugeben: Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag zwischen 09:00 und 17:00 Uhr
Weibliche Obach- und Wohnungslosigkeit ist anders
In Österreich sind 6.629 Frauen offiziell als obdach- oder wohnungslos registriert. Das entspricht rund einem Drittel aller erfassten Betroffenen. Die Dunkelziffer ist jedoch weitaus höher. Sie sind verdeckt wohnungslos. neunerhaus schafft Angebote und eine Atmosphäre, die wohnungs- und obdachlosen Frauen Sicherheit bieten. Über die strukturellen Ursachen weiblicher Obdach- und Wohnungslosigkeit und darüber, wie der Weg in ein selbstbestimmtes Leben langfristig gelingen kann, informieren wir auf neunerhaus.at/frauen.