
Beatrix S., viele kennen sie als „Trixi“, begleitet als Peer obdach- und wohnungslose Menschen auf ihrem Weg in die eigene Wohnung. Wie sie Ängsten mit Plus-und-Minus-Listen begegnet und warum ein Platz in der U-Bahn für ihr neues Leben steht, erzählt sie hier.
Von Anfang an zur Seite stehen
Trixi S. erlebte Zeit ihres Lebens Phasen der Wohnungslosigkeit. Seit drei Jahren setzt sie diese Erfahrung als Peer-Mitarbeiterin bei neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen ein. Sie unterstützt obdach- oderwohnungslose Menschen dabei, eine eigene Wohnung zu finden, zu beziehen und zu behalten. Trixi S. steht ihnen von Anfang an zur Seite und begleitet sie bei allen notwendigen Schritten: Sie geht mit ihnen zu Besichtigungen, hilft bei der Suche nach günstigen Möbeln und Einkaufsmöglichkeiten und zeigt ihnen, wo sich die nächste Straßenbahn, die nächste Schule oder der nächste Erholungsort befindet. Sie überprüft mit ihnen den Mietvertrag, misst schon das eine oder andere Mal die Wohnung mit den künftigen Mieter*innen aus und erklärt, wie die Anmeldung von Strom, Gas und Fernwärme funktioniert. Mindestens einmal wöchentlich kontaktiert sie die(zukünftigen) Bewohner*innen – telefonisch oder persönlich. Manche Themen lassen sich bei Spaziergängen gut besprechen. Sollte jemand nicht mobil sein, macht sie Hausbesuche, andere wiederum bevorzugen ein Treffen im neunerhaus-Büro. Alle bringen eine eigene Geschichte mit.
Einen Unterschied machen
Trixi S. gestaltet die Begleitung sehr individuell, stellt sich immer wieder neu auf ihr Gegenüber ein und begegnet ihnen mit sehr viel Menschlichkeit und Verständnis. Ein großer Teil ihrer Arbeit besteht nämlich darin, Ängste zu nehmen, in Beziehung zu treten und sich für die Menschen, die sie begleitet, einzusetzen. Obdach- und wohnungslose Menschen erleben im Alltag oft Beschämung und Ausgrenzung. Trixi S. kennt das aus eigener Erfahrung. Früher habe sie sich nicht einmal getraut, in der Straßenbahn oder U-Bahn einen Sitzplatz einzunehmen, sagt sie. Sie hatte das Gefühl, so etwas verdiene sie nicht. Heute steht sie für andere ein. Sie sorgt dafür, dass die Menschen, die sie begleitet, respektvoll behandelt werden. Zum Beispiel bei Behörden- oder Arztterminen. Klient*innen würden in Gesprächen häufig nicht als direkte Gesprächspartner*innen wahrgenommen. Teilweise werde nicht einmal Blickkontakt zu ihnen aufgenommen, berichtet sie. Wenn sie an ihrer Seite ist und den Mitarbeiter*innen-Ausweis vorweist, ändert sich das Gespräch ihrer Erfahrung nach. Sie empfindet es als ungerecht, dass Menschen anders behandelt werden, nur weil sie keinen festen Wohnsitz haben oder psychisch erkrankt sind. Gerade für Letztere gäbe es kaum Verständnis, sagt sie.
Plus-Minus-Rechnung
Wenn Trixi S. die von Obdach- und Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen zum ersten Mal trifft, erlebt sie die meisten als sehr schüchtern, gar verängstigt. Viele Sorgen drehen sich um die Leistbarkeit der neuen Wohnung und die Aufgaben, die mit einer Anmietung einhergehen. Zudem fürchten sich viele vor Einsamkeit. Trixi S. hört genau zu, findet Lösungen und fertigt mit ihnen Plus-Minus-Listen an. Am Ende überwiegt immer die positive Seite. Auf dieser stehen „die Selbstbestimmung, die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wen sie in die Wohnung lassen, die Möglichkeit, die Wohnung abzuschließen, und das Gefühl von Sicherheit und Freiheit.“ Trixi S. weiß, wovon sie spricht. Nach diesem Interview wird sie zu ihrer Tochter nach Hause fahren. Und sich ganz selbstverständlich ihren Platz in der U-Bahn nehmen.
Ausgezeichnete Peer-Arbeit
Peers wissen aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, obdach- oder wohnungslos zu sein – und wie viel Mut ein Neuanfang braucht. Am neunerhaus Peer Campus wird dieses Wissen zur beruflichen Stärke. 2025 zeichnete der europäische Dachverband FEANTSA den Peer Campus als Best-Practice-Beispiel aus.
Dieser Text erscheint in der 59. Ausgabe der neuner News – das Spendenmagazin von neunerhaus. Ihr Beitrag schreibt Geschichten.