
Immer mehr Frauen schließen den neunerhaus Peer Campus ab. Leiterin Babsi B. spricht über patriarchale Strukturen, Selbstermächtigung und darüber, wie die Arbeit mit Peers ihre Haltung als Sozialarbeiterin und Führungskraft geprägt hat.
Frage: Am neunerhaus Peer Campus absolvieren Menschen, die obdach- oder wohnungslos waren, eine 7-monatige Ausbildung, um als Peer in der Wohnungslosenhilfe zu arbeiten. Immer mehr Frauen und weiblich gelesene Personen besuchen den Kurs. Worauf ist das zurückzuführen?
Babsi B.: Je mehr weibliche Vorbilder es unter den Absolvent*innen gab, desto mehr Frauen haben sich beworben. In den ersten Kursen waren vor allem Männer vertreten. Das spiegelt bekannte gesellschaftliche Muster und die geschlechtsspezifische Sozialisation wieder: Männer trauen sich zunächst einmal mehr zu und finden eher den Zugang zu Bildungsangeboten. Nicht nur immer mehr Frauen schließen den Kurs ab, die Teilnehmer*innen werden auch zunehmend jünger und diverser.
Was haben die Frauen im Kurs gemeinsam?
Sowohl männliche als auch weibliche Teilnehmer*innen erfuhren Gewalt, wobei diese in der weiblichen Wohnungs- und Obdachlosigkeit eine ganz andere Dimension hat. Viele erlebten Abhängigkeits- und Gewaltbeziehungen. Mehrfach. Meist begann die Gewaltspirale schon in der Kindheit. Es gab immer wieder Versuche, sich ein Stückchen daraus zu lösen – aber die Frauen hatten nicht die Möglichkeit, ökonomisch auf eigenen Beinen zu stehen und sich selbst zu versorgen. Viele verschuldeten sich dann. Auch Suchterkrankungen sind ein Thema. Viele haben mit dem Konsum angefangen, um im Alltag zu funktionieren.
Welche Unterschiede zwischen Frauen und Männern beobachtet ihr im Kurs?
Wir sehen patriarchale Muster: Männer nehmen sich mehr Platz, gehen schneller in Diskussion. Frauen sind leiser, gehen in die zweite Reihe. Männer trauen sich Dinge eher zu. Mit unseren weiblichen oder weiblich gelesenen Teilnehmerinnen müssen wir viel mehr daran arbeiten, dass sie sich das zutrauen.
Wie löst ihr das Ungleichgewicht?
Wir versuchen, alle Kursteilnehmer*innen gleich zu fördern und machen das Ungleichgewicht sichtbar: Wir halten die Teilnehmer*innen an, sich zu überlegen, wie viel Redezeit und Raum sie sich nehmen und warum sie sich gegebenenfalls keinen Raum nehmen. Der Raum ist für alle da.
Für unsere Absolvent*innen bieten wir Austausch- und Vernetzungstreffen an. Wir haben bemerkt, dass sich auch hier die männlichen Kollegen mehr Raum nehmen. Deshalb gibt es nun auch den FLINTA*-Austausch (Anm.: Frauen, Lesben, Inter*, Non-binary, Trans* und Agender Personen)
Wie profitieren die Frauen abseits der beruflichen Ausbildung?
Sie sehen, dass sie mit ihren Themen nicht allein sind. Sie haben die Gemeinsamkeit der weiblichen Realität und Sozialisation und die Erfahrung der Obdach- und Wohnungslosigkeit. Das verbindet. Es ist ein Stückchen heilsam, wenn das nicht allein getragen werden muss.
„Sie haben Verständnis füreinander und stärken sich gegenseitig den Rücken.“
Babsi B. über den Zusammenhalt unter den Teilnehmerinnen.
Wie erlebst du die Frauen am Anfang eines Kurses und wie am Ende?
(überlegt) Das ist oft gar nicht so leicht in Worte zu fassen. Es passiert sehr viel in diesen sieben Monaten. Die Entwicklung ist geprägt von Höhen und Tiefen und Phasen von Selbstzweifeln. Ein großes Thema bei den weiblichen Kursteilnehmenden ist auch, Grenzen zu setzen. Viele thematisieren bereits im Bewerbungsverfahren, dass sie anderen Menschen helfen wollen, sich dann aber selbst vergessen. Auch hier kommen wieder klassische, patriarchale Mechanismen zum Tragen: Frauen wollen stets dafür sorgen, dass es den anderen gut geht, bringen viel Wertschätzung für andere auf, aber nicht für sich selbst. Im Kurs lernen sie, auch mit sich selbst sanfter zu werden. Die Teilnehmerinnen verlassen die Ausbildung selbstbewusster und trauen sich mehr zu. Für viele von ihnen steht am Ende oft die Erkenntnis: „So will ich nie wieder leben. So wie in der Vergangenheit lasse ich mich nicht mehr behandeln – egal von wem.“
Was zeichnet den neunerhaus Peer Campus für dich aus?
Ich bin fest davon überzeugt, dass man soziale Problemlagen, Herausforderungen und Ungleichheiten vor allem dann bearbeiten kann, wenn sie sichtbar werden. Denn wenn sie sichtbar werden, werden sie auch besprechbar. Und genau das leistet der Peer Campus. Hier wird nicht nur über die Menschen gesprochen, sie sind Teil des Diskurses. Das ist meine Hauptmotivation am neunerhaus Peer Campus: Weg von Ausschluss, hin zu Austausch und Besprechbarkeit. Wir holen Betroffene nicht nur rein, sondern sagen: „Ihr habt Expertise“. Die Arbeit am Peer Campus und die Zusammenarbeit mit Peer-Kolleg*innen hat mich zur besseren Sozialarbeiterin und Führungskraft gemacht.
Weibliche Obach- und Wohnungslosigkeit ist anders
In Österreich sind 6.629 Frauen offiziell als obdach- oder wohnungslos registriert. Das entspricht rund einem Drittel aller erfassten Betroffenen. Die Dunkelziffer ist jedoch weitaus höher. Sie sind verdeckt wohnungslos. neunerhaus schafft Angebote und eine Atmosphäre, die wohnungs- und obdachlosen Frauen Sicherheit bieten. Über die strukturellen Ursachen weiblicher Obdach- und Wohnungslosigkeit und darüber, wie der Weg in ein selbstbestimmtes Leben langfristig gelingen kann, informieren wir auf neunerhaus.at/frauen.
*Der Zertifikatskurs Peers der Wohnungslosenhilfe wurde 2017/2018 gemeinsam mit dem Fonds Soziales Wien (FSW) entwickelt und wird durch eine Projektförderung des FSW finanziert