
Wenn Martin J.H. eine Patientin von neunerhaus behandelt, fragt er nicht, ob sie obdach- oder wohnungslos ist. Er fragt auch nicht nach ihrer Krankenversicherung. Der Gynäkologe ist seit etwa zehn Jahren als ehrenamtlicher Facharzt für neunerhaus tätig. Seine Ordination befindet sich in einem großzügigen Altbau im 2. Wiener Gemeindebezirk. Dort spricht er über sein Engagement und warum es die Welt wahrscheinlich nicht gerechter, aber ein wenig anders macht.
Was ist nötig, um als Gynäkologe mit obdach- und wohnungslosen Frauen arbeiten zu können?
Das klingt jetzt vielleicht unromantisch, aber die Frauen, die zu mir kommen, sind für mich Patientinnen, wie alle anderen auch. Ich behandle sie gleich, nehme mir vielleicht ein bisschen mehr Zeit für sie.
Was entgegnen Sie Kolleg*innen, die sich engagieren wollen, aber Vorbehalte äußern?
Meine Ordination ist auch dann eine normale Ordination, wenn Patientinnen von neunerhaus kommen. Wenn sie zum ersten Mal hier sind, braucht es vielleicht etwas mehr Zeit. Deutlich aufwändiger sind Sprachbarrieren, aber die habe ich auch mit anderen Patientinnen. Einige von ihnen haben es sozioökonomisch schwerer.
„Ich hatte nie das Gefühl, dass es im Umgang relevant ist, ob eine Frau wohnungslos ist.“
Für den Gynäkologen Martin J.H. macht es keinen Unterschied, ob die Patientin versichert ist oder wohnversorgt ist.
Unterscheiden sich die Beschwerden oder Anliegen von neunerhaus-Patientinnen zu den anderen in Ihrer Ordination?
Nicht wesentlich. Sehr viele meiner Patientinnen kommen zur normalen Routinekontrolle, das ist bei den neunerhaus-Patientinnen weniger der Fall. Ansonsten ist das Spektrum gleich: Schwangerschaft, Menopause, Blutungen.
Woher kommt Ihr Engagement?
Ich weiß nicht, ob es Engagement ist. Ich finde das logisch und selbstverständlich. Die Welt ist ungerecht und es gelingt nicht, sie gerechter zu machen. Es ist wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Solange das nötig ist, mache ich es.
Wie sähe eine andere, gerechtere Welt aus?
Die Menschen würden neunerhaus nicht brauchen. Das ist bei vielen Charity-Veranstaltungen die Kehrseite: Man engagiert sich und spendet. Dabei wäre es erstrebenswert, dass man gar nicht spenden müsste.
Und es macht die Welt ein Stück gerechter.
Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, die Welt wird davon nicht gerechter. Anders, ja, aber nicht gerechter. Es hilft der Person, glaube ich, sehr. Und es gibt einem selbst dann ein gutes Gefühl. Das Engagement ist also durchaus egoistisch – und ein wenig altruistisch.
„Ich nehme eigentlich keine neuen Patientinnen mehr auf. Außer von neunerhaus, die haben einen Bonus.“
Der Gynäkologe Martin J.H. ist ehrenamtlicher Facharzt bei neunerhaus.
20 Jahre Gesundheit für alle
Über 36.000 obdach- und wohnungslose sowie nichtversicherte Menschen wurden in den letzten 20 Jahren von neunerhaus medizinisch versorgt. Gesundheit darf kein Privileg sein. Dafür setzt sich neunerhaus täglich ein.