„Ist schon wieder wer gestorben?“

Das Sterben gehört zum Leben dazu, sagt Gerald L. Er leitet das neunerhaus Kudlichgasse. Doch wie gehen die Bewohner*innen und Kolleg*innen im Alltag damit um? Über das Wegsperren des Todes und das Verdrängen der eigenen Sterblichkeit.

Wenn Menschen, die lange Zeit auf der Straße oder unter widrigsten Bedingungen gelebt haben, ins neunerhaus Kudlichgasse einziehen, dann sind sie häufig auch in einem sehr schlechten Gesundheitszustand, erzählt Gerald L., der das Wohnhaus im 10. Wiener Gemeindebezirk seit einem Jahr leitet. Er führt aus: „Sehr viele Bewohner*innen haben schwerwiegende, wenn nicht sogar tödliche Diagnosen“, und untermauert dies mit seiner Berechnung: „Etwa ein Zehntel der Bewohner*innen verstirbt innerhalb eines Jahres.“ Das geht auch an den Bewohner*innen nicht spurlos vorüber: „Die Bewohner*innen sehen, dass der Nachbar, die Nachbarin verstirbt, dass die Person, mit der man am Vortag noch zusammengesessen ist, am nächsten Tag nicht mehr da ist.“ Das gesamte Team, insbesondere die Assistent*innen für Wohnen und Alltag sowie die Peer-Mitarbeiter*innen des Hauses, sind dann für die Sorgen und Ängste der Bewohner*innen da und haben ein offenes Ohr.

Routinen und Einsamkeit im Alter

Aktuell leben 57 Menschen, die obdach- oder wohnungslos waren, im neunerhaus Kudlichgasse. 32 Bewohner*innen sind älter als 55 Jahre, 16 sogar älter als 65. Die älteste Bewohnerin ist 76 Jahre, der älteste Bewohner 75 Jahre alt. Je nach Pflegebedarf wird entschieden, ob die Pflege intern abgedeckt werden kann oder ob externe Dienste dazugeholt werden müssen.

„Das reale Alter ist oft gar nicht entscheidend.“

Gerald L., Hausleitung neunerhaus Kudlichgasse

Dabei ist es oft keine Frage des Alters, in welchem gesundheitlichen Zustand die Bewohner*innen sind. Tod und Krankheit machen auch vor jüngeren Personen nicht halt, erläutert der Hausleiter. Einen klaren Unterschied zwischen älteren und jüngeren Bewohner*innen erkennt er jedoch darin, wie sie die Angebote des Hauses nutzen. Während die Jüngeren häufig Kontakt zu Personen außerhalb des Wohnhauses pflegen und nicht so sehr auf die Gemeinschaft im Haus angewiesen sind, nehmen die älteren Bewohner*innen die Angebote gerne an. Sie besuchen die Feste im Jahresverlauf, verbringen Zeit im neuner Beisl (Anmerkung: hausinternes Café) und nutzen Angebote wie das gemeinsame Basteln an Halloween. Diese Routine und Struktur sind für die älteren Bewohner*innen sehr wichtig, betont er.

Ankommen, Bleiben und Gehen – Umgang mit dem Tod

Zunächst sagte Gerald L., der Tod sei in der Wohnungslosenhilfe allgegenwärtig. Im Nachgang präzisierte er die Aussage: „Das Sterben ist allgegenwärtig.“ Die Bewohner*innen werden bereits beim Einzug gefragt, ob im Falle ihres Todes das Sterbebuch, wie das Kondolenzbuch im Wohnhaus in der Kudlichgasse auch genannt wird, im Eingangsbereich aufgelegt werden soll. So können sich Nachbar*innen und Kolleg*innen von der verstorbenen Person verabschieden.

Laut der Hausleitung sei es im Haus nur schwer möglich, die eigene Sterblichkeit zu verdrängen. Persönlich hält er es sogar für notwendig, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Deshalb sieht er die Beschäftigung mit dem Tod im Rahmen seiner Arbeit auch als Bereicherung. Sie vermittle ihm Erfahrungen, die einem sonst meist verwehrt bleiben: „In unserer Gesellschaft bekommt man nur im engsten privaten Umfeld mit dem Tod zu tun. Ansonsten ist der Tod gut weggesperrt. Man sieht ihn eigentlich nicht. In helfenden Berufen sind wir öfter damit konfrontiert, dass der Tod und das Sterben zum Leben dazugehören.“ Wie das Team damit umgeht? Der Hausleiter hebt zwei Dinge hervor: Über die eigene Emotionalität und eigene Erfahrungen zu reden – sei es im Team oder in Supervisionen. Die zweite Sache ist Humor. Humor schafft Entspannung, Leichtigkeit und Distanz, so Gerald L.

„Hier in dem Haus ist es kaum möglich, die eigene Sterblichkeit zu verdrängen.“

Gerald L. über den Tod und das Sterben im Berufsalltag.

Als das Kondolenzbuch für diesen Beitrag aufgestellt und fotografiert wurde, kam eine ältere Bewohnerin vorbei. Sie fragte, ob denn schon wieder jemand verstorben sei. Wir verneinen. Daraufhin erzählt sie, dass ihr Mann bereits tot ist und seine Urne in der Wohnung aufbewahrt wird. Sie hoffe, die Asche bald verstreuen zu können. Vielleicht sterbe sie aber vorher selbst, meint sie, und geht weiter.

In der neuen Kampagne #ÜberLebenReden kommen Menschen zu Wort, die wohnungs- oder obdachlos waren. Sie erzählen in kurzen Videos von ihren ganz persönlichen Erlebnissen und Begegnungen.