
Frauen, die von neunerhaus auf dem Weg in die eigene Wohnung begleitet werden, sind meist armutsbetroffen, haben Gewalt erfahren oder lebten in Abhängigkeitsbeziehungen. Hinter diesen Beschreibungen stehen oft extreme Lebensgeschichten, wie die von Maryam B. Sie überlebte Folter, die Trennung von ihren drei Töchtern und löste sich aus einer langen Gewaltbeziehung.
Maryam B. wurde als Christin im Norden Iraks geboren. In der patriarchal geprägten Gesellschaft heiraten Frauen sehr jung. Der Druck auf Maryam B. war groß. Auch sie heiratete bald und bekam drei Töchter. Für die dreifache Mutter kam es jedoch nicht in Frage, nur zuhause zu sitzen. Sie eröffnete drei Schönheitssalons. Das ist der Beginn ihrer Geschichte, die sie im Büro von neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen erzählt.

Sie nimmt sich ein Taschentuch, neben ihr sitzt ihre Sozialarbeiterin Theresa L. Als der Islamische Staat in den 2010er Jahren seinen Krieg auf den Norden Iraks ausweitete, kam es zu systematischer Gewalt gegen Frauen und religiöse Minderheiten. Maryam B. wurde verschleppt. Sie erzählt von Folter, von Missbrauch. Lange Zeit wusste sie nicht, was mit ihren Töchtern passiert war und ob sie überhaupt noch am Leben waren. Maryam B. gelang die Flucht nach Österreich. Das ist über zehn Jahre her. Dass Zeit alle Wunden heilt, scheint hier nicht zu gelten. Wenn sie von ihren Töchtern erzählt, wird deutlich, wie tief der Schmerz sitzt: „Ich schaffe alles, nur das nicht!“ Bis heute hat sie ihre Töchter nicht mehr gesehen. Sie hält das zerknüllte Taschentuch fest in den Händen.
Gründe weiblicher Obdach- und Wohnungslosigkeit
Ein Drittel der 21.073 obdach- und wohnungslosen Menschen in Österreich sind Frauen. In den Angeboten der Wohnungslosenhilfe sind sie kaum sichtbar. Viele fühlen sich dort nicht sicher. Gerade für Frauen ist die Hemmschwelle hoch, ein Angebot in Anspruch zunehmen und sich als wohnungslos zu registrieren. Wenn Kinder involviert sind, kommt zusätzlicher Druck hinzu, insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Kindesabnahme. Tanja S., die für neunerhaus im Frauenarbeitskreis der Wiener Wohnungslosenhilfe ist, weiß, dass Frauen daher sehr langeversuchen, den Anschein der Normalität zu wahren – vor der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, vor dem Kindergarten oder der Schule.
Aktuell werden 365 Frauen von neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen unterstützt. Es sind junge Frauen, meist aus schwierigen Familienverhältnissen, die versuchen, auf eigenen Beinen zustehen. Frauen, die sich von ihrem Partner trennen, und sich keine eine eigene Wohnung leisten können. Ältere Frauen, die nach einer Scheidung oder dem Tod des Partners vor demselben Problem stehen.
Der rote Faden in den Biografien der wohnungslosen Frauen: Strukturelle Benachteiligungen von Frauen führen dazu, dass Trennungen zu existenziellen Krisen werden können oder sie lange Gewalt aushalten, um nicht auf der Straße zu landen. Maryam B. blickt auf das Taschentuch in ihren Händen und setzt ihre Erzählung fort. Nach ihrer Ankunft in Österreich verbrachte sie die erste Zeit in der Steiermark. Als sie erfährt, dass ihre Töchter am Leben sind, setzt sie alles daran, um sie nach Österreich zu holen. Sie lernt Deutsch, verdient sich ein wenig Geld als Reinigungskraft, unterstützt eine ältere Frau im Haushalt. Maryam B. lernt einen Mann kennen. Er verspricht ihr ein gemeinsames Leben. Sie heiraten. Die Spirale aus Gewalt und Abhängigkeit beginnt sich allmählich zu drehen.
Prekäre Wohnsituation
Wenn sich Frauen an neunerhaus wenden, ist ihre Wohnsituation laut den Sozialarbeiter*innen meist prekär. Bei einigen geht es darum, die aktuelle Wohnung zu behalten und eine drohende Delogierung zu verhindern. Frauen, die bereits wohnungslos sind, wechseln zwischen den Sofas von Bekannten, bleiben bei ihren Partnern oder leben in überbelegten Wohnungen. Nur wenige nehmen Not- und Übergangsquartiere oder Frauenhäuser in Anspruch. Die Straße ist für sie die letzte Option. All diese Stationen kennt Maryam B. Um sich aus der gewalttätigen Beziehung zu lösen, geht sie nach Wien. Hier hangelt sie sich irgendwie durch, schläft mal da, mal dort, teilt sich ein Zimmer mit mehreren Frauen, in dem die Betten von Wanzen befallen sind. Wieder erfährt sie Gewalt. Sie kommt ins Krankenhaus. Dort organisiert man ihr einen Platz im Frauenhaus, danach zieht sie in ein Übergangsquartier der Wohnungslosenhilfe und dockt schließlich bei neunerhaus an.
Wohnen, Gesundheit, Arbeit

Vor einigen Monaten bezog Maryam B. ihre erste eigene Wohnung, die ihr von neunerhaus vermittelt werden konnte. Es ist sehr ruhig, sagt sie, die Wohnung noch sehr leer. Sie hat genaue Vorstellungen davon, wie sie die Ein-Zimmer-Wohnung einrichten möchte: schöne Vorhänge, ein Kasten sollte als Raumteiler dienen. Irgendwann möchte sie auch eine Katze, um sich weniger allein zu fühlen.
Offiziell sind 3.721 Frauen in Wien obdach- oder wohnungslos, die Dunkelziffer ist weitaus höher. Es sind Frauen wie Maryam B., die Entsetzliches ertragen, um nicht auf der Straße zu landen. Frauen wie Maryam B., die trotz aller Widerstände, Erniedrigungen und Rückschläge weitermachen. Es sind Biografien und Leben, die zeigen, dass „niemand vor dieser Schutzlosigkeit und vor Obdach- und Wohnungslosigkeit gefeit ist, wenn bestimmte Konstellationen und Ereignisse zusammentreffen“, sagt Tanja S.
Maryam B. reichte die Scheidung von ihrem Mann bereits ein. Es dauert oft Jahre und braucht mehrere Anläufe, bis sich Frauen von gewalttätigen Partnern trennen. Jahre, in denen die Gewalt auf die Frauen und ihre Körper einwirkt. Maryam B. spürt die Folgen in jeder Sekunde. Genauso präsent sind die Schuldgefühle gegenüber ihren Töchtern. Sie konnte die bürokratischen Hürden der Zusammenführung in den letzten Jahren nicht bewältigen. Nichtsdestotrotz wagt sie zu träumen. Vom Wiedersehen mit den Kindern, vom eigenen Salon.
365 Frauen werden von neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen begleitet – sie stellen damit nahezu die Hälfte aller betreuten Personen dar. Gemeinsam wird eine sichere Wohnung gefunden, die dauerhaft ein Zuhause sein kann. Besonders für (gewaltbetroffene) Frauen bedeutet das Schutz, Ruhe und einen Neubeginn. Durch engmaschige, langfristige Betreuung werden Gesundheit, Stabilität und ein selbstbestimmtes Leben nachhaltig gestärkt.
Diese und weitere Geschichten lesen Sie in der 58. Ausgabe der neuner News – dem Spendenmagazin von neunerhaus.