„Soll ich dir erzählen, warum ich hier gelandet bin? Das ist eine lange Geschichte.“ In eine dunkelrote Winterjacke gehüllt, sitzt Frau S. bei einem Cappuccino im neunerhaus Café und erzählt. Das Leben war nicht immer gut zu der 67-jährigen Wienerin. neunerhaus geht mit ihr zurück an die Orte ihrer Kindheit, spricht mit ihr über Depressionen, Einsamkeit und Armut – und schwelgt mit ihr in Erinnerungen an ihren verstorbenen Mann. Ein Protokoll.
„Ich bin sehr lange draußen gestanden.“ Der Weg ins neunerhaus Café
Ich bin zufällig im neunerhaus Café gelandet. Ich habe Andrea (Anm.: eine Besucherin des neunerhaus Cafés) kennengelernt und ihr meine Situation geschildert. Sie hat gesagt: ‚Du wohnst ja im 5. Bezirk, dann geh‘ doch in das neunerhaus Café!‘ Vor meinem ersten Besuch bin ich sehr lange draußen gestanden, ich wollte nicht reingehen. Ich habe mich so geschämt. Geschämt, auf so was angewiesen zu sein. 40 Jahre lang habe ich gearbeitet – und dann bin ich auf so was angewiesen, wo das Essen fast gratis ist. Drei Monate lang hatte ich kein Geld, mir wurde der Strom abgedreht. Ich bin verschuldet, weil ich diesen Fehler gemacht habe und auf eine Betrüger-Bande reingefallen bin. Ich stand kurz vor der Obdachlosigkeit. Das wäre für mich der Horror gewesen, obdachlos zu sein. Die Kälte, der Hunger. Ich sehe ja, wo sie draußen schlafen müssen.
Irgendwann bin ich dann ins Café reingegangen. Sie waren so nett zu mir und haben mich gefragt, ob ich am nächsten Tag auch wieder komme. Ich komme gern hierher. Sie tun alles, um mir zu helfen – sie können mir zwar nicht finanziell helfen, aber sie helfen mir zum Beispiel mit Telefonaten, weil ich fast gehörlos bin. Hier im Café fühle ich mich wohl, die Zeit vergeht, ich kann abschalten. Oder zumindest versuche ich es. Ich kann nie ganz abschalten, habe zu viele Probleme, kein Geld. Aber wenn ich hier war, geht es mir besser, auch weil ich hier mit anderen reden kann. Zuhause halte ich die Stille nicht aus – ich bin da ein Nerverl und Radio oder Fernseher kann ich mir nicht leisten.
„Seither haben wir fast jeden Tag miteinander verbracht.“ Erinnerungen an die vergangene Liebe
Ich war 17 Jahre alt, es war an einem Mittwoch. Ich bin mit einer Freundin zum Eislaufverein gegangen – mittwochs hatten sie für Berufstätige länger offen. Eigentlich wollte ich schon nach Hause, aber meine Freundin hat gesagt, ‚Nein, bleiben wir doch noch ein oder zwei Runden!‘ Und da haben wir Walter und seinen Freund getroffen. Und der Walter, der hat bei mir angebandelt. Er hat im 3. gewohnt und ich im 9. Wir haben uns für den Samstag wieder zum Eislaufen verabredet. Es war 14:00 Uhr, ich hab‘ am Eingang gewartet und er kam nicht daher. Und es wurde 14:30 Uhr und dann 15:00 Uhr, und er war noch nicht da. Ich habe mir gedacht, OK, gehe ich halt allein eislaufen. Und dann hat er mir plötzlich auf die Schulter geklopft. Seither haben wir fast jeden Tag miteinander verbracht. Dann wurde er zum Heer einberufen. Er war eh im 2. stationiert, aber er hat mich gefragt, ob ich ihn eh nicht verlasse. Ich habe gesagt: ‚Warum soll ich dich verlassen? Ich liebe dich ja! Nur weil du einberufen wurdest?‘ Wir sind durch dick und dünn gegangen. Natürlich hatten wir auch schwierige Zeiten, aber wir hatten eine gute Ehe. 2011 ist er gestorben. Ich rede jeden Tag mit ihm. Wenn ich einen guten Tag hatte, sag‘ ich ihm Danke, dass er gut auf mich geschaut hat.
„Ich habe viel Negatives erlebt.“ Vom Los der Geburtslotterie
Ich bin fast taub auf die Welt gekommen. Meine Mutter hat sich nicht darum gekümmert. Ich hatte lange Zeit keine Hörgeräte, das Lippenlesen habe ich mir selbst beigebracht. Ich habe viel Negatives erlebt, auch meine Mutter hat mich oft geschlagen. Ich wurde gemobbt, auch wegen meiner Schwerhörigkeit.
Diese Nacht habe ich so gut wie gar nicht geschlafen. Ich habe starke Arthrose und dadurch Schmerzen in den Gelenken und in der Hüfte. Psychisch geht es mir nicht gut, ich habe auch gerade wieder eine depressive Phase. Ich weine dann sehr viel. An meiner Haut merke ich das auch immer, die wird dann schlimmer. Weil ich Diabetes habe, fehlen mir vorne die Zähne. Ich lache nicht mehr so viel wie früher. Ich schäme mich.
Eine Zeit lang war mir mein Leben egal. Es war mir einfach egal. Eines Tages bin ich zusammengebrochen. Zum Glück war ich da gerade bei meinem Sohn. Er hat die Rettung gerufen und so bin ich ins Krankenhaus gekommen. Ich war abgemagert, nur mehr Haut und Knochen. Im Krankenhaus haben sie mich aufgepäppelt.
„Ich habe früher viel runtergeschluckt, war immer die Starke, irgendwann ist alles über die Haut ausgebrochen.“
Frau S. kommt regelmäßig ins neunerhaus Café und spricht dort über ihre körperliche und mentale Gesundheit.
Zu Weihnachten wünsche ich mir Gesundheit. Wobei, ich bin ja eigentlich nicht gesund, aber dass ich halt halbwegs gesund bleibe. Dass ich wieder ein gutes Leben habe. Sagen wir, ein sorgenfreies Leben. Dass ich mir, wenn ich was brauche, es mir kaufen kann. Wie eine zweite Hose zum Beispiel, die mir passt.
Frau S. wird ihre Schulden in drei Jahren abbezahlt haben. Die finanzielle Belastung macht der 67-jährigen Pensionistin stark zu schaffen. Im neunerhaus Café trinkt sie ihren Cappuccino und isst zu Mittag. Die Sozialarbeiter:innen haben für Frau S. ein offenes Ohr und helfen ihr bei wichtigen Telefonaten, da sie Hörschwierigkeiten hat.