
Babsi U. bewohnte 13 Jahre lang ein baufälliges, sechs-Quadratmeter-Zimmer. Jahre später absolvierte sie den neunerhaus Peer Campus und spricht mit neunerhaus über ihre Vergangenheit, Rückschläge und über den Wert der eigenen Wohnung.
Obdach- und Wohnungslosigkeit kann jede*n treffen. Dennoch erzählen viele Menschen, die diese Erfahrung machen mussten, von einer Kindheit, die von Unsicherheiten, von Armut und Ausgrenzung und Gewalt geprägt war. Als Erwachsene können sie oft lange Zeit kein Zuhause finden – weder emotional noch physisch. Auch Babsi U. geht in ihren Erzählungen zurück in ihre Kindheit. Sie war zwei Jahre alt, als sich ihre Eltern scheiden ließen. Ein Umzug von Wien nach Niederösterreich folgte. Bereits als Kind erlebte sie Alkoholismus in der Familie. Die Stimmung war stets angespannt. Als Jugendliche lief sie immer wieder von zuhause weg. Meist brachte sie die Polizei zurück nachhause. Lange Zeit drohte ihre Mutter mit dem Heim. Als es so weit war, fühlte es sich für die 15-jährige Babsi U. an wie ein Ausweg. Sie begann die Lehre zur Schneiderin. In der Ausbildungszeit wurde sie schwanger. Dass sie die Lehre trotzdem abschloss, darauf ist sie heute noch stolz. Nach der Geburt ihres Sohnes fasste sie einen Entschluss: „Der Plan war, nach Wien zu gehen, eine Arbeit und eine Wohnung zu finden.“
Babsi U. zog nach Wien, doch dann „ist alles total schiefgelaufen.“ Sie lernte ihren jetzigen Ex-Mann kennen. Gewalt und Abhängigkeiten prägten nach und nach die Beziehung. Sie kam mit Drogen in Berührung. Die Gewalt nahm zu, deren Opfer ihr Sohn zwar nicht wurde, aber Zeuge. Der Sohn war zehn Jahre alt, als es zur Kindesabnahme kam. Von da an ging es rasant bergab.
„Als mein Sohn weg war, habe ich mir gedacht, wofür soll ich mich jetzt noch zusammenreißen?“
Babsi U. über einen tiefen Einschnitt in ihrem Leben.
Eine Drogenerkrankung manifestierte sich bei der heute 47-Jährigen. Weder sie noch ihr damaliger Mann verfügten über regelmäßiges Einkommen. Sie häuften Schulden an, konnten die Miete für die Gemeindewohnung nicht mehr bezahlen. Es kam zur Delogierung.
Nicht einmal ein Parkplatz – wohnen auf sechs Quadratmeter
Die nächsten 13 Jahre wird Babsi U. auf sechs Quadratmeter leben. Die ersten paar Monate teilt sie sich das Zimmer mit ihrem Ex-Mann, dann reicht sie die Scheidung ein. Sechs Quadratmeter. Das entspricht der Hälfte eines durchschnittlichen Parkplatzes. Dieses Zimmer in einem baufälligen Haus war für Babsi U. jedoch die einzige Möglichkeit, nicht auf der Straße zu landen. An einigen Stellen kroch Schimmel an den Wänden empor und von außen drang Staub von einer Baustelle herein. Küche, Klo und Waschmöglichkeiten befanden sich am Gang. Im Haus wurde mit Drogen gedealt. Es gab ständig Polizeieinsätze.
„Es war eine Notsituation. Das Wohnungsinserat kam mir zwar komisch vor, weil der Vermieter sehr wenig Kaution verlangte, aber ich musste das Zimmer nehmen. Sonst wäre ich auf der Straße gewesen.“
Nach der Delogierung hatten Babsi U. und ihr damaliger Mann keine Chance auf eine Wohnung am regulären Wohnungsmarkt
Der gesundheitliche Zustand von Babsi U. verschlechterte sich zusehends. Sie ging kaum noch raus, die Drogenerkrankung bestimmte ihren Alltag. Über diese Zeit sagt sie: „Ich war damals mehr tot als lebendig.“ Irgendwie schaffte es Babsi U. raus aus diesem Zimmer und aus diesem Leben. Sie begab sich auf stationäre Therapie. Von dort dockt sie bei der Wohnungslosenhilfe an und erhält nach dem Therapieaufenthalt Unterstützung bei der Wohnungssuche. Denn nach Ende des Aufenthalts stand sie ohne Wohnung da. Unter keinen Umständen wollte sie in das sechs Quadratmeter große Zimmer zurück.
Keine Chance auf dem regulären Wohnungsmarkt
Für Babsi U. wäre es nach der Therapie kaum möglich gewesen, auf dem privaten Wohnungsmarkt eine leistbare Wohnung zu finden. In den letzten zehn Jahren sind die Mieten in Wien um 41 Prozent gestiegen. Gerade für armutsgefährdete Personen sind Wohnkosten immer schwerer zu stemmen. Eine Hilfsorganisation unterstützte sie bei der Wohnungssuche und bei der Anmietung einer Gemeindewohnung.
„Dann hatte ich eine Küche, eine Dusche – alles war wieder in der Wohnung. Eine Heizung war drinnen, die hatte ich in dem kleinen Zimmer nämlich auch nicht. Hier kann ich mich jederzeit duschen gehen, kann Essen kochen. Als ich eingezogen bin, habe ich mich gefühlt wie eine Königin, auch wenn es nur 25 Quadratmeter sind.“
Babsi U. lebte über zehn Jahre prekär. Dinge, die für andere beim Wohnen selbstverständlich sind, hatte sie lange nicht.
Die Wohnung – ihr Königreich – richtete sie ganz nach ihrem Geschmack ein. Im Wohnzimmer steht eine große Couch, in der Küche hat sie ausreichend Platz zum Kochen geschaffen. Sie arbeitete für therapeutisches Taschengeld in einer Sozialorganisation für Suchterkrankte und nahm wieder Kontakt zu ihrem Sohn auf, den sie seither regelmäßig sieht. Doch viel Zeit blieb ihr nicht, bis sich das Leben erneut von seiner unerbittlichen Seite zeigte. Sie erhielt eine Krebsdiagnose.
„Das war mein Leben. Wenn ich gekämpft habe und es ein bisschen bergauf ging, dann ist wieder irgendetwas gekommen, das mich runtergezogen hat. Das habe ich mir bei der Krebs-Diagnose auch gedacht. Ich dachte, jetzt habe ich mein Leben im Griff und eine Wohnung. Dann kam die Krebsdiagnose.“
Ein weiteres Mal forderte das Leben Babsi U. heraus – diesmal mit einer Krebsdiagnose.
Babsi U. besiegte die Krebserkrankung. In ihrer Wohnung hatte sie den notwendigen Rückzugsort und die Ruhe, um sich zwischen den Behandlungen zu erholen. 2026 absolvierte sie den neunerhaus Peer Campus, um auch beruflich wieder Fuß zu fassen. Jährlich bewerben sich etwa 100 Personen auf die Ausbildung, 20 werden genommen. Sie hatte keine große Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz. Umso größer waren die Freude und der Stolz, als es klappte. Babsi U. möchte endlich aus dem Kreislauf der Arbeitslosigkeit und Perspektivenlosigkeit aussteigen. Als Peer will sie bis zur Pension arbeiten, so viel steht für sie fest. Denn eine Wohnung, eine Arbeit, und vielleicht ein Hobby, das gehört für die sympathische Wienerin zu einem glücklichen, normalen Leben dazu.
Wohnen als Basis
Wohnen ist bei neunerhaus mehr als ein Dach über dem Kopf: Eine eigene Wohnung schafft Ruhe, Schutz und Stabilität – und ist Voraussetzung für Gesundheit, soziale Teilhabe und Selbstbestimmung. neunerhaus unterstützt obdachlose, wohnungslose und armutsbetroffene Menschen dabei, ein Zuhause zu finden, zu sichern und darin gut anzukommen.