Zugänge schaffen durch gendersensible Planung

Julia Girardi-Hoog beantwortet für neunerhaus Fragen über Gender Planning.

Für armutsbetroffene, wohnungslose und obdachlose Frauen* ist der öffentliche Raum ein wichtiger Aufenthaltsraum. Mit Julia Girardi-Hoog von der Stadt Wien, dort u.a. verantwortlich für Gender Planning, sprachen wir über die Möglichkeiten der Stadtplanung, auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen* einzugehen.

Christina Lenart: Bei neunerhaus setzen wir auf gendersensibles Arbeiten in allen Angeboten. Was versteht man unter „gendersensibler Planung“ und warum ist sie so wichtig?

Julia Girardi-Hoog: Gendersensible Planung in Wien wurde vor über 30 Jahren von Frauen* angestoßen, die damals – wie auch leider heute noch – den Großteil der Care-Arbeit machen. Die Erfahrung etwa von Müttern, die mit Kinderwägen unterwegs waren, zeigte, dass der öffentliche Raum in vielerlei Hinsicht nicht alltagstauglich war: viele Autos, nicht barrierefreie und zu schmale Gehsteige, etc. Die Ziele von gendersensibler Planung sind damals wie heute dieselben: Alltagstauglichkeit von öffentlichen Räumen und Stadtplanung für unterschiedlichste Zielgruppen. Frauen* haben eine besonders große Expertise, was die Alltagsbedürfnisse von care-arbeitenden Menschen anbelangt. Es geht aber auch um die Bedürfnisse von einkommensschwachen Leuten, denn diese sind besonders auf den öffentlichen Raum angewiesen – auch hier sind Frauen* besonders betroffen.

Eine gendersensible Planung ist im Kern eine Qualitätssicherung für den öffentlichen Raum, von der letztlich alle profitieren.

Julia Girardi-Hoog im Interview mit Christina Lenart, neunerhaus
Gibt es Unterschiede, wie Männer* bzw. Frauen* den öffentlichen Raum nutzen? Welche besonderen Bedürfnisse haben Frauen* in diesem Zusammenhang?

Girardi-Hoog: Wir merken, dass bereits im Jugendalter Mädchen aus dem öffentlichen Raum, von Spielplätzen verschwinden. Sie brauchen spezielle Angebote, die signalisieren: das ist für Mädchen. Dazu haben wir erst kürzlich eine Ausstellung gemacht. Mädchen im Teenageralter und junge Frauen* werden häufig belästigt – sowohl online als auch im öffentlichen Raum. Und das beeinflusst auch ihr Verhalten. Deswegen ist Sicherheit ein zentrales Planungsthema. Konkret heißt das z.B., dass große Sichtachsen geschaffen werden und Wege gut einsehbar und beleuchtet sind, damit sich Frauen* und Mädchen hinaustrauen. „Eyes on the Streets“ sind für Frauen* sehr wichtig; das heißt, dass da Menschen sind, die ihnen im Zweifelsfall helfen würden.

Lenart: Für armutsbetroffene, wohnungslose und obdachlose – darunter auch verdeckt wohnungslose – Frauen* ist der öffentliche Raum ein wichtiger Aufenthaltsraum. Wenn kein bzw. kein angemessener Wohnraum vorhanden ist, gewinnt der öffentliche Raum besonders an Bedeutung. Wie kann gendersensible Planung auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe eingehen oder gar zur Verbesserung ihres Alltags beitragen?

Der Punkt ist, dass weibliche Obdach- und Wohnungslosigkeit oft lange unsichtbar bleibt. Frauen* verstecken diese Situation häufig, kommen bei Bekannten unter oder gehen Beziehungen ein, nur damit sie nicht auf der Straße landen. Gewalterfahrungen sind oft Teil ihrer Biografien. Deswegen liegen uns Frauen*, die von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit betroffen sind, auch in der gendersensiblen Planung sehr am Herzen.

Ich denke, der öffentliche Raum ist gerade für Frauen* ein Stück weit sicherer als irgendwelche privaten Wohnsettings, wo sie in Abhängigkeit leben. Das heißt, wir wollen ja die Frauen* rauskriegen aus schlechten Wohnverhältnissen – zumindest tagsüber. Insofern ist es uns genau deswegen wichtig, Plätze für sie anzubieten. Es müssen klar erkennbare Zonierungen sein, wie wir sie z. B. am Julius-Tandler-Platz geschaffen haben. Hochfrequentierte Orte wie etwa hier vor einem Bahnhof sind immer wichtig, weil es da einerseits die Möglichkeit gibt, anonym zu bleiben, aber auch gute Sicht zu haben und die Kontrolle zu behalten. Und dass es viele Nischen mit Aufenthaltsmöglichkeiten gibt, wo man auch mal in der zweiten Reihe sein kann und nicht komplett exponiert ist. Ein weiterer guter Ansatz ist ein Verweben von gut geplantem öffentlichen Raum und niederschwelligen Einrichtungen mit Sozialberatung.

Welche spezifischen Problematiken, Herausforderungen und Zugangshürden zur Nutzung vom öffentlichen Raum gibt es derzeit in Wien?

Konsumfreie Räume sind wesentlich für den Aufenthalt im öffentlichen Raum. Hier hat in letzter Zeit ein großes Umdenken stattgefunden – sowohl indoor als auch outdoor. Konsumfreie Innenräume werden nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer immer wichtiger. Mittlerweile öffnen viele Kirchen ihre kühlen Innenhöfe. Es braucht allerdings mehr und es gibt noch ungenutzte Potenzialräume, wie zum Beispiel Pensionist*innen Clubs. Um konsumfreie Räume nutzbar und zugänglich zu machen, gehört auch das Schaffen von vielen verschiedenen Sitzplätzen dazu. So wird jetzt oft zur funktionalen Trennung von zum Beispiel einer Grünfläche und einem Gehweg kein Staketenzaun mehr aufgestellt, sondern eine niedrige Mauer betoniert, auf welcher man auch sitzen kann.

Häufig sehen wir aber auch Bänke mit Armlehnen, Einzelplätze etc., die den Eindruck erwecken, längere Aufenthalte oder Liegen zu verhindern.

Girardi-Hoog: Nicht jede Armlehne ist eine defensive Gestaltung, die etwa gegen eine Nutzung durch Obdachlose gerichtet ist. Wir planen auch für ältere Menschen und die brauchen überall Armlehnen, sonst können sie sich nicht hinsetzen und auch nicht aufstehen – besonders, wenn sie mit dem Rollator unterwegs sind. Wir brauchen einfach eine unglaubliche Vielfalt an Sitzmöglichkeiten.

Neben Sitzmöglichkeiten, was sind weitere wichtige Planungselemente?

Eines der drängendsten Themen sind die immer heißer und länger werdenden Sommer. Gerade obdachlose Menschen leiden enorm unter der Hitze, weil sie den ganzen Tag draußen sind. In Wien kühlen die Straßen, aber auch viele Wohnungen im Sommer kaum ab. Da wissen wir, dass die häusliche Gewalt steigt, weil sich niemand mehr erholen kann. Im Stadtentwicklungsplan steht viel dazu, wie wir Wien kühlen können. Davon profitieren am meisten Menschen mit wenig Einkommen, weil sie nicht in der Villa mit Garten und Pool leben, sondern sich in den Bezirken aufhalten, wo es günstigen Wohnraum gibt und es gleichzeitig sehr heiß ist. Das heißt Hitzeschutz in der Planung ist ein wichtiges Thema. Hinzu kommt: bei Hitze müssen die Leute viel trinken. Wer viel trinkt, muss aber auch aufs Klo. Das Thema dahinter ist, für ausreichend öffentliche Toiletten zu sorgen und diese so zu gestalten, dass sie gut zugänglich sind. Laut Regierungsprogramm wird geprüft, ob ein kostenfreier Zugang für alle umsetzbar ist. Toiletten sind für Frauen* generell eine wichtige Infrastruktur. Auch davon profitieren Frauen*, weil sie erwiesenermaßen öfter und länger auf Toiletten angewiesen sind.

Wie können wir sicherstellen, dass Frauen* Zugang zu Freiräumen haben und am Leben im öffentlichen Raum aktiv teilhaben können? Was kann die Planung dazu beitragen?

Ich glaube sehr viel. Obwohl der Reumannplatz im 10. Wiener Gemeindebezirk in der medialen Berichterstattung häufig negative Schlagzeilen macht, kann er auch als gelungenes Beispiel herangezogen werden. Dort gibt es ein buntes Miteinander. Viele verschiedene Menschen sitzen dort tagsüber nebeneinander. Man sieht junge Mütter, die ihre Kinder stillen, neben Frauen*, die zusammen Alkohol trinken oder dergleichen. Am Reumannplatz ist in vielerlei Hinsicht ein gutes Design gewählt worden. Man hat sich bemüht, Schatten und Ventilation zu schaffen. Am Platz werden viele Möglichkeiten des Aufenthalts und der Durchwegung angeboten.

Das Sicherheitsgefühl ist insbesondere für Frauen* wichtig. Dazu gehört auch, dass man selbst entscheiden kann, welchen Weg man wählt, wem begegne ich und wem nicht. Oder: In welche Nische setze ich mich?

Julia Girardi-Hoog ist in der Stadtbaudirektion für Gender Planning verantwortlich.

Überraschend ist, wie durchcodiert solche Plätze oft sind: Sozialraumanalysen zeigen klar: die eine Gruppe sitzt hier, die andere da. Die Menschen wissen ganz genau, wo ihr Platz ist und wo sie sein wollen.

Welche Bedeutung haben Freiräume in Wohnvierteln für armutsbetroffene Frauen*? Was macht gute, zugängliche, nachbarschaftliche Freiräume aus?

Gerade für Menschen, die sich vielleicht keinen Griechenlandurlaub leisten können und den Sommer in Wien verbringen, sind solche Freiräume wichtig. Passende Möblierung ermöglicht es, wohnungsnah ein Picknick zu machen oder sich mit Nachbar*innen zu treffen. Auch weil das Gasthaus für viele nicht mehr leistbar ist. Was wir auch sehen, ist die steigende Anzahl an Single-Haushalten. Nicht nur ältere, sondern auch junge Leute sind davon betroffen. Viele leiden unter Einsamkeit. Ich glaube, da braucht es noch ganz viel Entwicklung in der Ausdifferenzierung des Wohnportfolios hinsichtlich unterschiedlicher Formen des Zusammenlebens. 


Dr.in Julia Girardi-Hoog promovierte in Architektursoziologie und arbeitete nach dem Studienabschluss fünf Jahre lang für die internationale Gewaltschutz-NGO WAVE (Women against Violence Europe), wo sie für UNFPA und Europäische Kommission Gewaltschutzprojekte in Europa koordinierte und umsetzte. Seit 2013 arbeitet Julia Girardi-Hoog bei der Stadt Wien in den Bereichen Stadterneuerung, Smart City und seit Dezember 2023 ist sie u.a. verantwortlich Gender Planning in der Stadtbaudirektion Wien.


Christina Lenart forscht zu Wohnbau und arbeitet als Referentin für Grundlagen & Policy-Arbeit bei neunerhaus.

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