„Es soll nicht umsonst gewesen sein.“

Eine Mutter kämpfte Jahre lang darum, ihren Kindern ein sicheres Leben in Österreich zu ermöglichen. In dieser Zeit waren sie nicht krankenversichert. So kam Frau B. ins neunerhaus Gesundheitszentrum. Wie ist es, in einer solchen existenziellen Unsicherheit zu leben – und wie schafft man es, nicht aufzugeben? Der Versuch einer Antwort.

Frau B. wartet in Jeans und Pulli und mit einer Wasserflasche in der Hand vor dem neunerhaus Gesundheitszentrum im 5. Wiener Gemeindebezirk. Sie kommt direkt von der Arbeit. Eine Sozialarbeiterin öffnet die Türen. Sie und Frau B. kennen sich seit dem ersten Tag, an dem Frau B. ins Gesundheitszentrum kam. Das war vor zehn Jahren.

Die dreifache Mutter wollte für sich und ihre Kinder ein besseres Leben. Dazu gehören für sie eine gute Bildung für die Kinder und eine Arbeit, mit der sie ihre Familie ernähren kann. Aus diesem Grund kam Frau B. aus Albanien nach Österreich. Der jüngste Sohn war gerade einmal ein Jahr alt, die beiden älteren Kinder sechs und sieben. Ihr Mann und Vater der Kinder arbeitete im Ausland. Sie kümmerte sich allein um die Kinder, war praktisch alleinerziehend. In dieser Situation war es kaum möglich, eine Arbeit zu finden.

„Wenn ich an all das denke, was mir passiert ist, würde ich sagen, es wäre besser, wenn ich gar nicht erst geboren worden wäre. Aber wenn ich an meine Kinder denke, dann weiß ich, dass es sich gelohnt hat. Wenn ich sehe, wie es ihnen heute geht, vergesse ich mein eigenes Leid.“

Frau B. will ihren Kindern ein Leben ermöglichen, das ihr selbst lange Zeit verwehrt geblieben war.

Mit dem Geld, das ihr Mann im Ausland verdiente, konnten sie zwar die Kosten für Miete, Essen sowie Schule und Ausbildung decken, Geld für die Versicherung blieb jedoch nicht übrig. Sich selbst zu versichern kostete damals monatlich zirka 400 Euro, aktuell liegt der Beitrag bei 565,25 EUR. Weil Frau B. nicht krankenversichert war, fehlte auch ihren Kindern die Krankenversicherung. Als Frau B. zum ersten Mal krank war, fand sie den Weg ins neunerhaus Gesundheitszentrum, wo obdach- und wohnungslose und nichtversicherte Menschen kostenlos medizinisch versorgt werden.


Warum Kinder in Österreich nicht krankenversichert sind

In Österreich sind Kinder mit ihren Erziehungsberechtigten mitversichert. Wenn diese nicht versichert sind, fallen auch die Kinder aus der Krankenversicherung. neunerhaus leistete in den letzten 20 Jahren medizinische Hilfe für 3.651 Kinder. neunerhaus fordert, Kinder und Schwangere in den Personenkreis der Pflichtversicherten aufzunehmen. Aus welchen Gründen Menschen nichtversichert sind, beantworten wir hier.


Frau B. suchte das neunerhaus Gesundheitszentrum auf, wenn sie oder die Kinder krank waren. Dort kümmerte sich das interdisziplinäre Team nicht nur im Krankheitsfall um die Familie, sondern unterstützte sie bei der Existenz- und Aufenthaltssicherung, hörte zu, nahm die Familie ernst und spendete Trost, wenn es einmal besonders schwer war.

„Mir wurde in jede Richtung geholfen.“

Gesundheit braucht ein stabiles Zuhause – deshalb wurde Frau B. nicht nur medizinisch betreut, man unterstütze sie dabei, eine sichere Existenz aufzubauen.

Im neunerhaus Gesundheitszentrum werden jährlich über 2.500 Gespräche über Videodolmetsch geführt. Das ermöglicht eine weitestgehend barrierefreie Kommunikation und entlastet Angehörige – denn auch Kinder übersetzen immer wieder für Familienangehörige. Auch bei Frau B. griff man auf Videodolmetsch zurück, um die Kinder mit schweren gesundheitlichen oder existenziellen Themen nicht zu belasten.

Nicht zurückblicken – wenn die Vergangenheit zu schmerzhaft ist

Sie spricht lieber über ihre Kinder, als über die Vergangenheit und die Zeit, in der sich nicht krankenversichert und das Leben von großer Unsicherheit geprägt war. Andeutungsweise gibt sie Einblick: „Wenn ich darüber nachdenke, war es eine schwere Zeit. Ich habe viel verdrängt, ich habe das aus meinem Gedächtnis gelöscht.“ Vielleicht tue sie das aus Selbstschutz, überlegt sie an diesem Nachmittag und sagt, dass nun alles da sei, wo es sein sollte: Seit einem Jahr arbeitet die heute 39-Jährige als Reinigungskraft. Sie und ihre Kinder sind endlich krankenversichert. Das gebe ihr ein gewisses Freiheitsgefühl und die Bestätigung, dass nicht alles umsonst gewesen war. Sie wollte ein besseres Leben für ihre Kinder. Das hat ihr die Kraft gegeben, durchzuhalten. Sie ist stolz darauf, wie sie als Familie zusammengehalten haben, sie ist stolz auf ihre Kinder. Wenn sie doch zurückblickt, dann mit der Entschlossenheit, dass „diese Zeit nie wieder zurückkehren wird.“

Frau B. verabschiedet sich. Beim Hinausgehen erkundigt sich eine weitere Sozialarbeiterin nach den Kindern. Man hat die Kinder zehn Jahre lang begleitet, sie groß werden sehen und die Erfolge, aber auch die Rückschläge der Familie miterlebt. Und man hat sich gemeinsam gefreut, als endlich alles da war, wo es sein sollte.


20 Jahre medizinische Versorgung bei neunerhaus: 471.367 Konsultationen und 36.335 Patient*innen

Zum Arzt zu gehen, ist für viele eine Selbstverständlichkeit. Nicht so für Menschen, die obdach-, wohnungslos oder nichtversichert sind. Im neunerhaus Gesundheitszentrum finden sie allgemeinmedizinische, zahnmedizinische, psychosoziale und sozialarbeiterische Unterstützung – kostenlos, unbürokratisch und niederschwellig. Ohne Anmeldung, bei Bedarf anonym und mit Videodolmetsch. Zusätzlich sind Ärzt*innen in vielen Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe aufsuchend im Einsatz und über das neunerhaus Gesundheitstelefon erreichbar. So schafft neunerhaus Zugänge für Menschen, die im bestehenden System oft auf Hürden und Ausschlüsse stoßen.

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