Gesundheit braucht Zeit

Helga L. ist Ärztin bei neunerhaus Foto: Christoph Liebentritt

Helga L. ist als neunerhaus Ärztin in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in ganz Wien unterwegs. Vor Ort und in Gesprächen erfährt sie, wie hart ein Leben auf der Straße ist.

Versorgungsmöglichkeiten schaffen

„Ich war diejenige, die im Krankenhaus noch einmal zu den Patient*innen ging, mit ihnen plauderte und alles noch einmal erklärte. Das kam bei Kolleg*innen nicht immer gut an“, erinnert sich Helga L. an ihre ersten Jahre als Medizinerin. Als Ärztin wollte sie sich für ihre Patient*innen Zeit nehmen. Sie bewarb sich bei neunerhaus. Seit zwanzig Jahren versorgen neunerhaus Ärzt*innen obdach- und wohnungslose Menschen in Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe. Helga L. ist seit zehn Jahren im Einsatz und Teil eines 15-köpfigenTeams, das 2025 über 1.700 Patient*innen in fast 20.000 Konsultationen betreute. Ihre Aufgaben würden sich dabei kaum von jenen im niedergelassenen Bereich unterscheiden, sagt sie: „Es gibt überall Patient*innen, die mit Suchterkrankungen, psychiatrischen Erkrankungen oder mit einer Alkoholabhängigkeit kämpfen.“

Frauen sichtbar machen

Wenn sie ihre Einsätze in Tageszentren absolviert, spürt sie die harte Lebensrealität der Patient*innen besonders, erzählt die Ärztin und dreifache Mutter. Wer sich dort aufhält, lebt und schläft meist auf der Straße. Die Menschen erlebten viele und schwere Verluste. Oft sind es Männer, die in Österreich neu anfangen wollten, aber gescheitert sind. Bei den einen herrscht Verzweiflung. Andere hätten sich mit ihrer Situation arrangiert, kämen irgendwie über die Runden und durch den Tag. Die wenigen Frauen, denen sie dort begegnet, lösen bei Helga L. gleichermaßen Betroffenheit wie Bewunderung aus. Obdach- und wohnungslose Frauen bleiben im Hilfssystem lange unsichtbar – diese Tatsache deckt sich mit ihren Beobachtungen: „Es muss viel passieren, bis Frauen in ein Tageszentrum kommen.“ Ihr Leben ist oftmals geprägt von Gewalt, Abhängigkeitsbeziehungen, psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen. Ihr Zustand sei mitunter so schlecht, erzählt Helga L., dass es teilweise kaum möglich sei, zu ihnen durchzudringen: „Es ist unfassbar, wie viel und wie lange sie ihre Situation, Verletzungen oder Krankheiten aushalten. Sie sind extrem ausdauernd.“

Respektvolles Gespräch auf Augenhöhe

Viele ihrer Patient*innen haben im Gesundheitssystem Ausgrenzung und Stigmatisierung erlebt oder gar keinen Zugang dazu. Sie meiden es lange Zeit, ärztliche Hilfe aufzusuchen. Tun sie es doch und erhalten eine Diagnose, fehlt meist ein ruhiger Rückzugsort, um mit der Krankheit umgehen zu können. Viele haben auch Angst vor Behandlungskosten – gerade, wenn sie nichtversichert sind. neunerhaus setzt dann alle Hebel in Bewegung, kooperiert mit Ärzt*innen und mit Spitälern und hofft, dass die Behandlung übernommen werden kann.

Mit Helga L. sitzt einem eine Ärztin gegenüber, die auch zehn Jahre nach ihrem Bewerbungsgespräch voller Begeisterung und Empathie über ihre Patient*innen spricht. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, kämpft sie oft mit dem Schicksal und der Ausweglosigkeit vieler ihrer Patient*innen. Wie sie damit umgeht? „Wenn ich nichts anderes machen kann, dann versuche ich zumindest ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen.“ Dieses Gespräch, dieses Zuhören, sagt sie, sei ein kurzer Moment, in dem man sich respektvoll begegnet. Dafür braucht es Zeit. Und die kann sie sich bei neunerhaus nehmen.


Gute Behandlung sichern! Eine Spende ist mehr als eine finanzielle Unterstützung

Gute Behandlung beginnt nicht erst in der Arztpraxis. Sie beginnt dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. Deshalb ist jede Spende mehr als eine finanzielle Unterstützung. Sie ist eine Entscheidung dafür, Menschen gut zu behandeln. Herr L. verlor seine Arbeit, seine Wohnung und schließlich auch seine Krankenversicherung. Heute ist er wieder versichert und seine Gesundheit hat sich stabilisiert.

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Dieser Text erschien in der 60. Ausgabe der neuner News – das Spendenmagazin von neunerhaus. Ihr Beitrag schreibt Geschichten.

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