„Gesundheit ist mehr als die Behandlung einer Krankheit.“

Doris Schmidauer mit Elisabeth Hammer und Alexander Van der Bellen vor dem neunerhaus Gesundheitszentrum Foto: Christoph Liebentritt

Stolpersteine, Gesundheit, Menschenwürde und Frauenarmut: Politikwissenschaftlerin und „First Lady“ Doris Schmidauer im Gespräch mit Elisabeth Hammer.

Elisabeth Hammer: Was bedeutet Gesundheit für Sie?

Doris Schmidauer: Für mich bedeutet Gesundheit, dass ich mich sowohl körperlich als auch seelisch wohlfühle. Um diese Gesundheit zu erhalten, versuche ich, mich einigermaßen ausgewogen zu ernähren und in Bewegung zubleiben. Die Spaziergänge mit unserer Hündin Juli sind dabei natürlich besonders hilfreich. Ob Regen, Kälte oder Hitze – wenn Juli raus muss, gibt es keine Ausreden.

Was gibt Ihnen Kraft, auch in schwierigen Zeiten?

Der Zusammenhalt innerhalb meiner Familie und meines Freundeskreises gibt mir Kraft und Energie, wenn die Batterien einmal leer sind oder ich gerade zu viele Stolpersteine auf meinem Weg sehe. Mit ihnen finde ich immer einen Grund, gemeinsam zu lachen. Diese Verbundenheit trägt mich auch durchschwierige Zeiten.

Sie setzen sich seit Jahren gegen Frauenarmut und für Frauen in Krisensituationen und deren Sichtbarkeit ein. Worauf müssen wir unser Augenmerk richten?

Genau dieser Zusammenhang muss viel stärker sichtbar sein und angesprochen werden: Gesundheit und die finanzielle Situation eines Menschen hängen eng miteinanderzusammen. Frauen mit geringem Einkommen können sich beispielsweise weniger Unterstützung leisten, um ihr tägliches Pensum zu bewältigen. Natürlich hat es Auswirkungen auf das körperliche und seelische Wohlbefinden, wie ich wohne, ob ich mir vielleicht einmal im Jahr einen Urlaub leisten kann oder welche Lebensmittel ich für mich und meine Familie kaufen kann.

Sie haben sich einmal als „First Volunteer“ beschrieben – als jemand, der Menschen zusammenbringen und Räume für Begegnung öffnen möchte. Was bedeutet diese Haltung für Sie, wenn es um Menschen geht, die in Armut, ohne Wohnung oder ohne Krankenversicherung leben?

Armut und Wohnungslosigkeit gehen häufig mit Perspektivlosigkeit und sozialer Ausgrenzung einher. Als Gesellschaft müssen wir hier gemeinsam Verantwortung übernehmen. Oft erleben Menschen in materieller Not zusätzlich Ausgrenzung oder werden ausschließlich auf ihre Armut reduziert. Für mich steht jedoch immer der Mensch mit seiner Würde im Mittelpunkt. Zuhören, einander auf Augenhöhe begegnen und konkrete Unterstützung organisieren – das sind für mich wichtige Grundlagen, um Vertrauen zu schaffen.

Das neunerhaus Gesundheitszentrum bietet weit mehr als „klassische“ medizinische Behandlung. Warum braucht es solche niederschwelligen Orte?

Gesundheit ist mehr als die Behandlung einer Krankheit. Gerade Menschen, die in schwierigen Lebenssituationen leben, stoßen oft auf viele Hürden, wenn sie medizinische Hilfe brauchen. Niederschwellige Angebote bauen diese Hürden ab und holen Menschendort ab, wo sie gerade stehen. Es wird nicht nur eine Krankheit behandelt, sondern der Mensch in seiner gesamten Lebenssituation gesehen.

Sie haben neunerhaus bereits besucht. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Mein Mann und ich sind ja bekanntlich Hundebesitzer und -besitzerin. Es hat mich daher besonders berührt, dass im neunerhaus Menschen ihre Haustiere mitnehmen dürfen. Das ist eine wichtige und vor allem respektvolle Geste – für Menschen, die auf der Straße leben, sind ihre Hunde oft sehr wichtige Bezugswesen. Sie kümmern sich aufopfernd und liebevoll um sie. Und die Hunde wiederum geben ihnen Halt.

Was wünschen Sie neunerhaus?

Ich wünsche dem neunerhaus, dass es auch in Zukunft ein Ort bleibt, der Menschen Hoffnung gibt und ihnen mit Respekt, Offenheit und Menschlichkeit begegnet. #


Dieser Text erschien in der 60. Ausgabe der neuner News – das Spendenmagazin von neunerhaus. Ihr Beitrag schreibt Geschichten.

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