Mittlerweile sieht Chedi U. eigene Rückschläge als Vorteil für ihre Arbeit. Als Peer-Mitarbeiterin bei neunerhaus begleitet sie Frauen, die von Obdach- und Wohnungslosigkeit betroffen sind. Als Alleinerzieherin mit Fluchthintergrund sieht sie sich täglich mit struktureller Mehrfachdiskriminierung und rassistischen Übergriffen konfrontiert. Als Peer ist sie für andere Frauen da. Wie sie das macht, erzählt sie in diesem Interview.
Welche Aufgaben hast du als Peer bei neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen?
Chedi U.: Ich unterstütze Frauen und Familien bei der Wohnungssuche und der Einkommenssicherung, beim Schreiben von Bewerbungen, beim Nachreichen von Dokumenten und ich begleite sie zu Behörden. Aber meine wichtigste Aufgabe liegt oft im Zwischenraum: Vertrauen aufzubauen, Sicherheit zu vermitteln und einen geschützten Ort zu schaffen. Einen Ort, an dem ausgesprochen werden darf, was lange keinen Raum hatte.
Du bist selbst vor Krieg und Verfolgung geflüchtet und hast in der Arbeit mit geflüchteten Frauen zu tun. Was unterscheidet diese Zielgruppe von anderen?
Für viele Frauen mit Flucht- und Migrationshintergrund ist die gesamte Familiengeschichte ein großes Tabu. Es wird ihnen oft damit gedroht, den Aufenthaltsstatus oder die Kinder zu verlieren, wenn sie über familiäre Konflikte oder Gewalt sprechen. Gewalt zeigt sich dabei nicht immer körperlich. Manchmal ist es ständige Abwertung. Manchmal Kontrolle über Geld. Manchmal das Gefühl, keinen eigenen Handlungsspielraum mehr zu haben.
Viele dieser Frauen erleben Mehrfachbelastungen: Armut, unsicheren Aufenthaltsstatus, Diskriminierung, rassistische Übergriffe oder finanzielle Abhängigkeiten. Hinzu kommen häufig Trennungen, prekäre Beschäftigung oder fehlende Rücklagen. Wohnungslosigkeit entsteht selten von heute auf morgen – sie ist oft das Ergebnis schleichender Entwicklungen.
Wie schaffst du diesen sicheren Ort für Frauen?
Auch wenn sie vielleicht eine große Familie haben, fühlen sich viele sehr allein. Oft fehlt ein sicherer Raum, um über persönliche Probleme zu sprechen. Das kenne ich auch aus meiner eigenen Jugend, die von Krieg und Unsicherheit geprägt war. Damals hätte ich mir jemanden gewünscht, der mir sagt: „Du bist nicht allein.“ Heute versuche ich, genau dieser Mensch für andere Frauen zu sein.
Wichtig ist es, sehr sensibel zu sein – kulturell, sprachlich und biografisch. In der Beratung kann Video-Dolmetsch eingesetzt werden. Beim Frauenvormittag verzichte ich bewusst darauf, denn das echte Gespräch beginnt oft erst, wenn wir unter uns sind.
Viele von Obdach- oder Wohnungslosigkeit betroffene Frauen versuchen sehr lange, den Anschein zu wahren, dass es ihnen gut geht. Wie erlebst du diese Frauen in deiner Arbeit?
Sie präsentieren sich so, als ob alles gut wäre. So wie ich damals. Sie sagen, dass alles easy ist, dass die Kinder versorgt sind und die Kinderbetreuung geregelt ist. Nach dem ersten oder zweiten Gespräch öffnen sie sich langsam. Ich versuche, ihnen Mut zu machen und ihnen zu vermitteln, dass ich sie verstehe und sie nicht allein sind. Ich hatte immer wieder Rückschläge. Früher haben sie zu Selbstzweifeln geführt. Wie kann ich ein Vorbild sein, wenn ich selbst noch zu kämpfen habe? Mittlerweile glaube ich, dass mich das zu einem besseren und realistischeren Vorbild macht.
„Mir ist wichtig, dass die Frauen nicht nur mit ihren Töchtern über Gleichberechtigung reden, sondern auch mit ihren Söhnen.“
Für Chedi U. ist Gleichberechtigung nicht nur Sache der Frauen.
Warum hast du damals die Peer-Ausbildung absolviert?
Ich habe die Peer-Ausbildung gemacht, weil ich meine Erfahrungen nicht nur verarbeiten wollte. Ich wollte auch anderen Menschen helfen. Meine eigene Geschichte gibt mir Kraft, andere Frauen zu unterstützen. Für mich ist Peer-Arbeit nicht nur ein Beruf, sondern eine echte Berufung.
Gut zu wissen: Mehrfachdiskriminierung und erhöhte Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung von geflüchteten Frauen
Frauen mit Flucht- und Migrationshintergrund zählen zu den am stärksten von Armut und Ausgrenzung gefährdeten Bevölkerungsgruppen in Österreich. Zu den strukturellen Benachteiligungen von Frauen, wie Care-Arbeit, Teilzeitarbeit und niedrigere Einkommen, kommen Sprachbarrieren, Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft, erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt und teils stark patriarchal geprägte Frauen- und Familienbilder hinzu.
Sich aus Abhängigkeiten zu lösen, auf eigenen Beinen zu stehen und am Wohnungsmarkt eine leistbare Wohnung zu finden, erfordert enorme Anstrengungen – und professionelle und zielgerichtete Unterstützung. 6.629 Frauen sind in Österreich aktuell obdach- oder wohnungslos. neunerhaus setzt sich für sie ein. Wie wir das tun, erzählen wir auf neunerhaus.at/frauen
Quellen: Statistik Austria; Momentum Institut