
Bevor Johanna G. den vierten Standort von neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen aufbaute, leitete sie den Zertifikatslehrgang am neunerhaus Peer Campus. Begonnen hat sie als Sozialarbeiterin im neunerhaus Café. Über ihren Werdegang bei neunerhaus, ihre eigene, nicht geradlinige Bildungsbiografie und welche Führungskraft sie sein möchte, erzählt sie in diesem Interview.
Du hattest 2018 deinen ersten Arbeitstag bei neunerhaus. Erinnerst du dich noch an deinen ersten Eindruck?
Mein erster Eindruck von neunerhaus war gut. Ich habe mich sehr gefreut, in einem Unternehmen zu arbeiten, in dem Supervisionen, Intervisionen und Teamsitzungen möglich sind. Für mich war ein wertschätzendes Arbeitsumfeld wichtig – das habe ich hier gefunden.
Du hast im neunerhaus Café begonnen, warst dann am Peer Campus tätig und leitest heute den vierten Standort von neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen. Wie kam es dazu?
Die Stelle im neunerhaus Café war mit 25 Stunden ausgeschrieben. Das waren eigentlich zu wenig Stunden für mich, aber das Konzept interessierte mich sehr. Das Café wurde wie der Peer Campus damals erst aufgebaut. Als am Peer Campus Stunden frei wurden, habe ich gleich zugegriffen.
„Ich bin eine Person, die schnell zu Sachen hingreifft und „ja“ sagt, wenn ich einen Mehrwert für Klient*innen sehe. Und es war damals eine Zeit im Sozialbereich, in der viel möglich war.“
Johanna G. leitet einen der vier Standorte von neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen. Begonnen hat sie 2018 im neunerhaus Café.
Am neunerhaus Peer Campus hattest du zum ersten Mal eine Leitungsposition inne. Wie war das?
Bevor ich am Peer Campus die Kursleitung übernahm, war ich in Bildungskarenz. Diese Möglichkeit war für meine Weiterentwicklung wirklich wichtig. Aber die Frage lautete, wie es war, den Kurs zu leiten. Es war anstrengend, brauchte viel Ehrgeiz und Zeit, um in die Rolle hineinzuwachsen. Es war aber auch schön. Es motiviert mich, wenn Projekte im Aufbau sind und ich vieles mitgestalten kann.
Was hat dir dabei geholfen, in die neue Rolle und die neuen Aufgaben hineinzuwachsen?
Meine direkte Vorgesetzte war sehr eng an meiner Seite. Sie hat mich gefördert und gesagt: „Johanna, ich sehe dich in dieser Rolle.“ Auch als ich mich für die aktuelle Position beworben habe, hat sie mich gepusht.
„Sie hat mir den Rücken gestärkt und mich freigespielt, damit ich mich weiterentwickeln konnte.“
Johanna G. über ihre damalige Führungskraft.
Der Aufbau und die Leitung des vierten Standortes von neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen war dann der nächste logische Schritt?
Eine Leitungsposition war eigentlich nie mein Ziel. Meine eigene Bildungsbiografie ist nicht geradlinig: Ich habe am zweiten Bildungsweg Soziale Arbeit studiert und davor eine Ausbildung im Gesundheitsbereich absolviert. Während ich in der Pflege arbeitete, ging ich zur Abendschule und habe die Studienberechtigungsprüfung abgelegt. Nach dem fünften Kurs am neunerhaus Peer Campus war ich bereit für eine neue Herausforderung. 2026 wurde dann die Stelle der Standortleitung ausgeschrieben. Nach einem mehrstufigen Bewerbungsverfahren habe ich die Zusage erhalten.
Was waren die größten Herausforderungen beim Aufbau eines neuen Standorts?
Die eigene Unsicherheit und die eigenen Erwartungen an mich. Es war ein komplett neues Team und ein neues Handlungsfeld. Ich musste mich inhaltlich im Bereich Housing First und Mobil betreutes Wohnen einfinden und gleichzeitig das Team aufbauen. Ja, das war aufregend.
Was ist dir in deiner Führungsrolle wichtig? Worauf legst du Wert?
Ich möchte eine Führungskraft sein, die dem Team vertraut und ihm etwas zutraut. Ich möchte eine Arbeitsumgebung schaffen, in der man gesund und gut arbeiten kann, in der man wertgeschätzt wird, sich wohlfühlt und in der auch Konflikte ausgetragen werden können.
Was bedeutet gesundes Arbeiten für dich?
Zu wissen, dass stressige Phasen nur Phasen sind. Dass niemand Sorge vor dem nächsten Arbeitstag hat und auch unangenehme Termine als Team bewältigbar sind.
Du leitest ein Team von sieben Personen. Was muss man für deinen Bereich mitbringen, um gut arbeiten zu können?
Es braucht Eigeninitiative, Eigenverantwortung und Strukturiertheit. Man muss Lust darauf haben, die Tage selbst zu gestalten. Wir arbeiten teilweise sehr nachgehend, Klient*innen ziehen sich manchmal zurück. Da müssen wir sagen: ‚Hey, wie wäre es mit einem Spaziergang, oder einem Hausbesuch?‘ Diese Eigeninitiative kann anstrengend sein.
Was schätzt du an neunerhaus als Arbeitgeberin?
Durch das Gleitzeit-Modell bin ich in meiner Funktion bei der Zeiteinteilung sehr frei. Ich kann selbstbestimmt arbeiten und nutze das Führungskräftecoaching und die Supervision.
Was möchtest du abschließend noch loswerden?
Karriere ist etwas sehr Individuelles. Karriere heißt nicht, dass man Hierarchieebenen hinaufsteigt. Karriere bedeutet für mich, dass ich meine Fähigkeiten einsetzen kann. Und noch etwas möchte ich loswerden. Für die meisten Menschen sichert Arbeit einfach nur ihre Existenz und hat gar nichts damit zu tun, sich zu entfalten. Einer Arbeit nachzugehen, bei der man die eigenen Fähigkeiten nutzen kann, ist ein Privileg.
„Es braucht nicht immer einen geradlinigen Lebenslauf, um sich in einem Job entwickeln zu können.“
Johanna G. über ihren eigenen Werdegang.
Housing First und Mobil betreutes Wohnen
Nur eine Wohnung beendet Wohnungslosigkeit. Diesem Grundsatz folgend begleitet Housing First und Mobil betreutes Wohnen Menschen, die obdach- oder wohnungslos wurden. Angesichts aktueller gesellschaftspolitischer Entwicklungen wird die Situation von Menschen, die Unterstützung benötigen, immer herausfordernder.