„Gesundheit ist doch wichtig“

Bewohnerin Angelika T. posiert für die neunerhaus Kampagne #gutbehandeln © Mafalda Rakoš

Angelika T. war obdachlos und lebte abwechselnd auf der Straße, auf der Donauinsel und in Notquartieren. 2023 zog sie ins neunerhaus Hagenmüllergasse. Seither hat sich vieles verändert. Was früher große Ängste auslöste und allein kaum zu bewältigen war, gehört für die 41-Jährige heute zur Routine und zum Alltag. Mit dem wachsenden Vertrauen in sich selbst konnte sie auch gesundheitliche Themen angehen, die lange liegen geblieben waren.

Scheinwerfer an im neunerhaus Gesundheitszentrum

Angelika T. schlüpft in den Behandlungskittel und macht es sich im Zahnarztstuhl bequem. Die Zahnärztin und sie unterhalten sich, lachen. Der Zahnarztstuhl fährt nach unten. Vor einiger Zeit lösten Arztbesuche bei Angelika T. starke Panik aus. Nur unter großer Anstrengung, mit Überzeugungskunst und Begleitung war es für sie möglich, notwendige Untersuchungen zu absolvieren. An diesem Tag unterzieht sich Angelika T. in der neunerhaus Zahnarztpraxis, die Teil des Gesundheitszentrums ist, allerdings keiner Behandlung. Sie wird für die aktuelle neunerhaus Kampagne fotografiert. Die Zahnärztin, die eigentlich nur Statistin ist, reicht Angelika den Handspiegel. Angelika T. betrachtet ihre neuen Zähne und blickt dann mit jener Ernsthaftigkeit in die Kamera, die das Thema der aktuellen Kampagne erfordert: Medizinische Versorgung von obdach- und wohnungslosen sowie nichtversicherten Menschen.

Rückblick: Ein Rucksack, der langsam leichter wird

„Das muss ich jetzt alles auf die Reihe kriegen. Ich muss jetzt auf mich schauen“, sagt sie. Sie nimmt ihre Gesundheit wichtig, sie nimmt sich wichtig. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Wir haben Angelika T. bereits in der 55. Ausgabe der neuner News vorgestellt und mit diesem Absatz ihre Geschichte beendet. Seither spricht sie regelmäßig über ihre Vergangenheit und packt damit langsam ihren schweren Rucksack aus. Lange Zeit war es ihre Überlebensstrategie, nicht zurückzuschauen. In Erinnerung bleibt der Satz von damals: „Ich habe nur überlebt, weil ich alles verdrängt habe.“ Heute erzählt sie in Interviews für Zeitungen, Fernsehen und für neunerhaus vom Verlust ihrer Mutter und ihrer Schwester durch Krebserkrankungen. Davon, wie sie danach endgültig abgestürzt ist und wie es ist, als Frau auf der Straße zu leben. Schicht für Schicht legt sie offen, was bei ihr zu Obdach- und Wohnungslosigkeit geführt hat.

Die Wohnung als Rückzugsort und Ruhepol

Zuerst die Wohnung, dann alles andere – das sagt nicht nur neunerhaus, sondern auch Angelika T. im Interview für diese Ausgabe. Nur eine Wohnung biete den notwendigen Rückzugsort, auch wenn sich damit nicht alle Probleme in Luft auflösen, sondern meist erst sichtbar werden: „Wenn Menschen hier einziehen, haben sie zwar einen Ruhepol, aber meistens bricht dann etwas auf.“


Ein Leben auf der Straße oder in prekären Wohnverhältnissen macht krank. Im Gesundheitssystem stoßen obdach- und wohnungslose Menschen oft auf Hürden, werden beschämt oder nicht ernstgenommen. Meist werden Krankheiten erst gar nicht diagnostiziert. Eine Behandlung und Genesung unter prekären Lebensbedingungen? Schwer möglich. Wer auf der Straße lebt, ist Wind und Wetter ausgesetzt. Wer bei anderen Unterschlupf findet, ist auf deren Wohlwollen angewiesen. Bei vielen Bewohner*innen stellt sich daher erst nach dem Einzug heraus, mit welchen Erkrankungen und Belastungen sie zu kämpfen haben. Das war auch bei Angelika T. der Fall. Als sie einzog, klagte sie über starke Bauchschmerzen. Die lebensnotwendigen Untersuchungen und Eingriffe hätte sie aufgrund ihrer Angstzustände beinah verweigert, fast kam es zu einem Magendurchbruch. Erst durch das beherzte und beständige Zureden von Claudia W., Assistentin für Wohnen und Alltag im Haus, schaffte sie es, ins Krankenhaus zu gehen. Claudia W. spielte eine wichtige Rolle für Angelika T. Sie begleitete sie ins Krankenhaus, hatte das nötige Feingefühl – und die richtige Portion Humor – um gesundheitliche Themen anzusprechen. Oder, um es mit den Worten von Angelika T. zu sagen: „Sie hat mir den nötigen Arschtritt verpasst.“

Die Zeit auf der Straße und eine Suchterkrankung haben ihren Zähnen stark zugesetzt. „Das waren nur mehr Stummeln“, erzählt sie. In der neunerhaus Zahnarztpraxis erhielt sie eine Prothese. Ihr Lachen könnte seither nicht breiter sein und auch ihre Zuversicht ist gewachsen: Schon lange liebäugelt sie mit der Ausbildung zum Peer der Wohnungslosenhilfe am neunerhaus Peer Campus. Bald würde sie sich das zutrauen. Auch mit ihrer Gesundheit geht es stetig bergauf. Sie tut auch einiges dafür: Sie nimmt an der wöchentlichen Yoga-Stunde und an den Workshops zu gesunden Ernährung teil, die die Mitarbeiter*innen im Haus anbieten.

Neue Aussichten

Es hat sich viel im Leben der 41-Jährigen getan. Sie und ihr damaliger Partner Werner P., mit dem sie sich die Wohnung in der Hagenmüllergasse teilte, haben die Beziehung beendet. Er zog samt Kater ins neunerhaus Kudlichgasse, sie in eine Einzelwohnung im 7. Stock. Sie erfreut sich an der Aussicht, genießt die Ruhe der eigenen vier Wände und erzählt vom Läuten der Kirchenglocken, das ihr so gefällt. Auch ein Pluspunkt: Ihre Nachbarin, die ihre eine liebe und wichtige Freundin geworden ist, wohnt gleich nebenan.

Das Shooting ist vorüber, die Fotos und Videoaufnahmen sind im Kasten. Angelika T. steht auf, streift sich den Behandlungskittel ab. Zum Abschluss noch die Frage, ob sie wieder ein Haustier haben möchte? Nein, sagt sie, Balu war ihre erste und letzte Katze. Ob sie bereit für eine neue Liebe ist? Nein, sie will allein bleiben. „Ich habe keine Geduld mehr für einen Mann.“* Sie lacht. Die „Zahnärztin“, Statistin und Verfasserin dieses Textes, stimmt in ihr Lachen ein und sagt: „Das nächste Mal machen wir eine Ausgabe über Liebe und Beziehungen.“

*Nach zehn Jahren haben sich Angelika T. und Werner P. im Guten getrennt. Werner P. kennt Angelikas Humor und hat diesen Zeilen ausdrücklich zugestimmt.


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Gute Behandlung beginnt nicht erst in der Arztpraxis. Sie beginnt dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. Deshalb ist jede Spende mehr als eine finanzielle Unterstützung. Sie ist eine Entscheidung dafür, Menschen gut zu behandeln. Herr L. verlor seine Arbeit, seine Wohnung und schließlich auch seine Krankenversicherung. Heute ist er wieder versichert und seine Gesundheit hat sich stabilisiert.

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Dieser Text erschien in der 60. Ausgabe der neuner News – das Spendenmagazin von neunerhaus. Ihr Beitrag schreibt Geschichten.

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