
Wie behandeln wir Mütter und Alleinerziehende? Und wie Menschen, die psychisch erkrankt sind? Layla S. flüchtete 2010 aus dem repressiven Tschetschenien, in dem geschlechtsspezifische Gewalt an der Tagesordnung stand. Die Absolventin des neunerhaus Peer Campus setzt sich im Exil für eine Demokratiebewegung ein und schafft Bewusstsein für psychische Gesundheit und die Lage von Alleinerziehenden. Und sie ist Teil der neunerhaus Kampagne #gutbehandeln.
Geflüchtet und im System gefangen
Layla S. wurde in Tschetschenien geboren. Als Kind und Jugendliche erlebte sie den ersten (1994-1996) und den zweiten Tschetschenien-Krieg (ab 1999) und lebte daher mit ihrer Familie in einem Flüchtlingslager. 2002 erkrankte sie schwer. Sie schildert die Umstände: „Die Bedingungen – Kälte, Feuchtigkeit, Hunger und die Situation im Lager führten dazu, dass ich schwer erkrankte. Zunächst dachte ich, ich hätte die Krankheit überwunden, doch etwa fünf Jahre später kam es zu einem schweren Rückfall.“ Weder in Tschetschenien noch in Moskau konnte ihr geholfen werden, Behandlungsmöglichkeiten und Medikamente fehlten. 2010 fasste sie den Entschluss, ihrem Heimatland den Rücken zu kehren. Sie flüchtete.
Nach drei Jahren erhielt Layla S. in Österreich subsidiären Schutz. Dieser wird zunächst für ein Jahr gewährt, dann für jeweils zwei Jahre. Es sollten insgesamt über zehn Jahre vergehen, bis die ausgebildete Grundschullehrerin zum ersten Mal in den eigenen, sicheren vier Wänden wohnen kann. Es war eine Zeit, in der viel passierte. Nach einiger Zeit in einer Flüchtlingsunterkunft, zog sie mit ihrem damaligen Partner in eine kleine Wohnung. Mehrere Umzüge folgten, 2015 kam ihre Tochter zur Welt. Als sie sich vom Vater des Kindes trennte, stand sie ohne Wohnung da. Die einzige Möglichkeit für sie, nicht auf der Straße zu landen, war es, mit ihrer Tochter in ein Grundversorgungsquartier zu ziehen. Die Zeit dort wurde zur großen Belastung: „Ich habe mich manchmal schutzlos und ohnmächtig gefühlt. Ich hatte keinen Halt.“ Sie erzählt von Zwischenfällen und Übergriffen, die sie auch Jahre später noch stark belasten. Ihre Situation war vertrackt. Sie wollte arbeiten gehen, Geld verdienen, eine Wohnung mieten – kurz, sich ein selbstbestimmtes Leben aufbauen. Obwohl subsidiär Schutzberechtigte theoretisch freien Zugang zum Arbeitsmarkt haben, ist es in der Praxis deutlich schwieriger, erzählt sie und spricht von Hürden, die kaum zu überwinden sind. Noch einmal schwieriger als Alleinerziehende.
„Auf dem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben habe ich einen Teil meiner psychischen Gesundheit verloren.“
Layla S. lebte mit ihrer Tochter lange Zeit in Flüchtlingsunterkünften.
Ein sicherer Wohnraum und neue Perspektiven
Layla S. hält durch. Auch für ihre Tochter. 2022 erhält sie einen EU-Daueraufenthalt, 2023 konnte sie mit ihrer Tochter in ein Eltern-Kind-Heim ziehen. Hier fühlte sie sich erstmals sicher. Was folgte, war jedoch ein Zusammenbruch: „Ich konnte nichts mehr machen. Ich habe meine Tochter zur Schule gebracht, ging anschließend nach Hause und habe die Vorhänge zugezogen.“ Die Belastungen der letzten Jahre wogen schwer, sie entwickelte eine Depression. Schuldgefühle plagten sie, sich und ihrer Tochter noch immer kein selbstbestimmtes Leben ermöglicht zu haben. Dazu gehört für Layla S. auch arbeiten zu gehen.
2025 hörte sie zum ersten Mal von der Peer-Ausbildung am neunerhaus Peer Campus. Jährlich bewerben sich rund 100 Menschen, die selbst Erfahrung mit Obdach- oder Wohnungslosigkeit gemacht haben. Der Abschluss befähigt die Absolvent*innen für eine Arbeit in der Wohnungslosenhilfe. Layla S. bewarb sich.
Die Ausbildung am neunerhaus Peer Campus dauert acht Monate, umfasst mehrere Module, Workshops, Lerngruppenaufgaben, verpflichtende Reflexionstermine, ein Praktikum und eine Abschlussarbeit, die am Tag der Zertifikatsverleihung präsentiert wird. Vor der Präsentation war Layla S. nervös. Dann erinnerte sie sich daran, dass sie damals in Tschetschenien, als sie studierte, auf der Universität vor großem Publikum sprach. Diese Layla war lange Zeit verschwunden. Am neunerhaus Peer Campus durchlief sie nicht nur eine Ausbildung, sondern setzte sich auch intensiv mit ihrer eigenen Geschichte auseinander. Und sie nimmt wieder Kontakt zur Layla von damals auf. Selbstbewusst präsentierte Layla S. im Frühjahr 2026 ihre Abschlussarbeit, in der sie genau das thematisierte, was bei ihr zur prekären Situation führte und ihrer psychischen Gesundheit stark zusetzte: Die Situation von subsidiär Schutzberechtigten und ihre Möglichkeiten, sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen – mit besonderem Fokus auf alleinerziehende Mütter.
„Das war wie Therapie für mich. Ich habe bis dahin soziale Kontakte gemieden. Mich in ein Café setzen oder ein Treffen in der Öffentlichkeit? Das wäre früher nicht gegangen.“
Layla S. ist ausgebildete Volksschullehrerin. Auch wenn sie nicht in der Wohnungslosenhilfe arbeiten wird, war die Ausbildung am Peer Campus ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum selbstbestimmten Leben.
Ein langer und entbehrungsreicher Weg
Mittlerweile leben Layla S. und ihre Tochter in einer Gemeindewohnung. Nachdem sie sich bei der Bildungsdirektion als Grundschullehrerin beworben hatte, wurde ihr zunächst eine Anstellung für den Herbst 2026 in Aussicht gestellt, obwohl die Nostrifizierung ihrer Ausbildung noch nicht abgeschlossen war. In letzter Sekunde platzte die Anstellung jedoch. Nun versucht sie einmal mehr, die bürokratischen Hürden zu überwinden, und kämpft um die Nostrifizierung ihrer Diplome.
Als Alleinerzieherin mit Fluchthintergrund konnte sie jahrelang nicht arbeiten gehen. Das spürt die heute 47-Jährige im Alltag, insbesondere, wenn es um Ernährung geht: „Wir verhungern nicht. Es geht nicht darum, keine Nudeln oder keinen Reis zu haben. Das kann ich mir leisten, das kriegst du auch in jedem Sozialmarkt. Es geht um frisches Obst, Beeren, einen Apfel. Es geht darum, dass ich meiner Tochter nach dem Essen eine Nachspeise bieten kann.“
„Der Geldmangel saugt Energie, Geldmangel prägt.“
Als Alleinerzieherin, die um die Anerkennung ihrer Ausbildung kämpft, weiß Layla S. was es heißt, sich nicht jeden Tag so ernähren zu können, wie sie er gern würde.
Trotz des schwierigen Alltags gönnt sich Layla S. kleine Freuden im Alltag. Sie liebt Kaffee. Manchmal genießt sie eine Tasse in einem Café. In einem Netzwerk engagiert sie sich für ein demokratisches Tschetschenien und setzt sich für Deradikalisierung ein. Als Teil der Kampagne #gutbehandeln von neunerhaus möchte Layla S. außerdem auf die Situation von Alleinerzieher*innen aufmerksam machen.
Es dauert, bis Layla S. ihre Version eines selbstbestimmten Lebens verwirklichen kann. Der Alltag ist noch nicht ganz sorgenfrei – aus Österreich wegzugehen, kommt für sie nicht mehr in Frage: „Für mich ist es zwar schwierig, aber Lena (Name der Tochter geändert) ist schon eine Österreicherin“, sagt sie lachend und kommt zum Schluss: „Manche müssen durch Schwierigkeiten lernen, das Positive zu sehen, Freude zu haben. So wie ich. Meiner Tochter soll das in Zukunft erspart bleiben.“
Wie behandeln wir obdachlose Menschen?
Gute Behandlung beginnt nicht erst in der Arztpraxis. Sie beginnt dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. Bei neunerhaus erleben wir Ärzt*innen, die zuhören.
Pflegekräfte, die versorgen. Sozialarbeiter*innen, die begleiten. Peer Mitarbeitende, die Hoffnung geben. Spender*innen, die ermöglichen. Wir erleben Menschen, die andere Menschen gut behandeln. Genau das macht den Unterschied.