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Housing First: Zuerst einmal eine Wohnung

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Der Sozialarbeits-Ansatz „Housing First“ bringt in Europa frischen Wind in die Wohnungslosenhilfe – dank neunerhaus seit 2012 auch in Österreich.

Eine eigene Wohnung, die eigenen vier Wände, eine Tür, die man hinter sich zusperren kann – für viele selbstverständlich, aber das ist es nicht. In Zeiten von steigenden Mieten, immer höheren Fixkosten und prekären Job-Verhältnissen ist der Erhalt des Zuhauses oft schwer genug. Kommen dann Scheidung, Jobverlust oder Krankheit hinzu, kann es schnell gehen und man steht plötzlich ohne Dach über dem Kopf da. Was dann? Wohin nun? Wenn es nach neunerhaus, Sozialorganisation in Wien, geht, am besten so rasch wie möglich gleich wieder in eine eigene Wohnung, mit eigenem Mietvertrag und, wenn gewünscht, sozialarbeiterischer Unterstützung und Beratung – das Erfolgsrezept von Housing First eben. Vor 30 Jahren wurde der Sozialarbeits-Ansatz in New York konzipiert – neunerhaus hat ihn 2012 nach Österreich gebracht.

„Wir sehen in Housing First sehr großes Potenzial – 94 Prozent Mietstabilität ist eine Erfolgsquote, die sich sehen lassen kann. Der Zugang hat sich auch in anderen europäischen Ländern bereits etabliert und zeigt, dass es funktioniert: Denn nur eine eigene, leistbare Wohnung, die mietvertraglich abgesichert ist, beendet Wohnungslosigkeit nachhaltig“, so Daniela Unterholzner, neunerhaus Geschäftsführerin.

Wohnungslosigkeit kommt schnell und unverhofft

Es kann jeden und jede treffen, es kann ganz plötzlich gehen. „Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas passiert, das hören wir von allen Menschen, die zu uns kommen“, so Unterholzner. Gerade noch in den eigenen, heimeligen vier Wänden und plötzlich auf der Straße ohne ein Dach über dem Kopf, oftmals unverschuldet, so wie bei Ruth, die vor sechs Jahren noch ein ganz normales Leben führte: Sie war in Pension, lebte mit ihrem Mann in einem schönen Haus. Eines Tages hatte ihr Lebensgefährte eine Gerichtsladung, sprach jedoch nicht weiter darüber. Dann der Schock: plötzlich landete er im Gefängnis. Ruth fand sich ohne Partner wieder, mit einer mickrigen Pension und einem hohen Kredit für das Haus, den ihr Mann aufgenommen hatte und den sie nicht bezahlen konnte. Das Haus wurde zwangsversteigert. Ein Jahr lang übernachtete sie am Bahnhof einer Ortschaft in Niederösterreich, im Wartehäuschen. Sie nahm sich ein kleines Lagerabteil und pendelte zu ihren Kindern und Enkelkindern, aber gesagt hat sie nichts, zu groß war die Scham.

„Ich habe natürlich versucht, eine Wohnung zu finden. Das war unmöglich. Aber für eine Monatskarte reichte das Geld. Ich habe meine Kinder oft in Wien besucht, war im Hallenbad duschen“, erinnert sich Ruth heute.

Ruth ist wieder zuhause

Nach einer Zeit im Übergangswohnheim, die bei Ruth eher unangenehme Erinnerungen weckt, kam vergangenes Jahr der erlösende Anruf, dass sie eine eigene Wohnung bekommen würde, und zwar über neunerimmo, mit Hilfe des Teams von Housing First von neunerhaus: „Das war in der Weihnachtszeit. Ich erinnere mich noch, als ich die Wohnung angeschaut und mir gedacht habe: Die werde ich niemals kriegen. Da sind mir die Tränen gekommen, aber ich habe den Gedanken weggeschoben. Im Februar haben sie wieder angerufen – wegen des Mietvertrags. Ein eigener Mietvertrag. Ich hab es gar nicht glauben können.“

Ruth ist froh, auch in der schweren Zeit ihrer Obdachlosigkeit nicht aufgegeben zu haben. „Ich habe immer gewusst, dass mich meine Enkelkinder lieben und sie mich wahnsinnig vermisst hätten, wenn ich aufgegeben hätte. Deswegen habe ich gekämpft. Man wird oft zurückgeworfen, aber man darf nicht aufgeben.“ Ganz gemäß dem neunerhaus Leitsatz „du bist wichtig“.

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Dieser Text entstand basierend auf einem Artikel von Lisa Wölfl / moment.at und erschien im Dezember 2019 im Magazin "Soziale Verantwortung" der Mediaplanet Group.

   

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Foto: (c) Christoph Liebentritt