
Die Geschichte von Salmane L. zeigt: Mit einer Wohnung beginnen die Probleme – und zwar sichtbar zu werden. Kurz nachdem der heute 34-Jährige die Wohnungsschlüssel einer Housing First Wohnung erhielt, erhielt er auch eine Krebs-Diagnose. Aber alles der Reihe nach.
Mit dem Flüchtlingsstatus in die Wohnungslosigkeit
Salmane L. verließ sein Heimatland, als er 22 Jahre alt war. Im Senegal drohten ihm Verfolgung und erhebliche Gefahr für Leib und Leben. Seine Flucht nach Österreich dauerte 12 Jahre. In einem Alter, in dem andere eine Ausbildung absolvieren oder langsam ins Berufsleben starten, war er mit bloßem Überleben beschäftigt. Als er Österreich erreichte, stellte er einen Asylantrag. Wieder sollte Zeit vergehen, bis er sein Leben und seine Zukunft selbstbestimmt gestalten konnte. Mit der Zuerkennung des Asylstatus musste er aus dem Grundversorgungsquartier ausziehen und wurde, wie viele geflüchtete Menschen, in die Wohnungslosigkeit oder prekäre Wohnverhältnisse getrieben. Als Asylwerber hatte er nur eingeschränkte Möglichkeiten, einer regulären Erwerbsarbeit nachzugehen und Geld für sich anzusparen. Wie sollte er die Kosten einer Anmietung stemmen? Kaution, Provision, in vielen Fällen auch Ablöse. Hinzu kommt weit verbreitete rassistische Diskriminierung am Wohnungsmarkt: Menschen mit ausländisch klingenden Namen oder ausländischem Akzent werden nachweislich benachteiligt (SORA Studie 2023). Salmane L. lebte eine Zeit lang im „Überbelag“. Das bedeutet, dass er sich mit vielen anderen wenige Quadratmeter in einer heruntergekommenen Wohnung zu überhöhten Preisen teilte. Ein Mietvertrag fehlte, Sicherheit gab es keine. Es sind meist illegale Mietverhältnisse. Er suchte sich Unterstützung bei der Wohnungslosenhilfe und dockte so bei neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen an. Das war 2024.
Raum, um Probleme zu bewältigen – nach dem Einzug folgte die Diagnose.
„Seine Schmerzen waren nicht das Hauptproblem: Sein größtes Problem war, dass er wohnungslos war“, erzählte seine Sozialarbeiterin Nina W. für einen Beitrag im neunerhaus Spendenmagazin neuner News bereits 2024. Nachdem Salmane L. die Housing First Wohnung am Rande des 22. Wiener Gemeindebezirks bezog, berichtete er Nina W. von anhaltenden Schmerzen im rechten Fuß. Bei neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen arbeiten Sozialarbeiter*innen, Peer-Mitarbeiter*innen und Gesundheitsfachkräfte gemeinsam daran, obdach- und wohnungslosen Menschen ein langfristiges Wohnverhältnis zu ermöglichen. Gesundheit ist dabei ein wesentlicher Faktor. Obdach- und Wohnungslosigkeit gehen nicht nur mit dem Verlust der eigenen vier Wände einher. Die physische und psychische Gesundheit Betroffener ist stark in Mitleidenschaft gezogen. Nina W. zog die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin Monika D. zum Fall hinzu. Schnell wurde bei dem damals 32-Jährigen ein Tumor im rechten Fuß festgestellt. Um die Ausbreitung des Tumors zu verhindern, musste sein rechter Fuß amputiert werden.
Nicht sichtbare Behinderungen: Das Leben mit einer Prothese
Nur wenige Wochen nach dem folgenreichen Eingriff trafen wir Salmane L., um ihn für die besagte neuner News-Ausgabe zu porträtieren. Auf Krücken gestützt, öffnete er uns damals die Tür. Selbstbewusst posierte er später im Innenhof der Wohnanlage vor dem Fotografen. Da, wo früher sein rechter Fuß in einem Schuh steckte, war nun ein verbundener Stumpf. Er versteckt ihn nicht, im Gegenteil. Seine mentale Stärke und Sichtweise auf Dinge beeindruckten damals schon. Die Krebsdiagnose war ein Schock, aber er war froh, dass der Tumor entfernt werden konnte und er nicht sein ganzes Bein verlor.
Zwei Jahre später treffen wir Salmane L. wieder, um ihn für die neunerhaus Kampagne #gutbehandeln anzufragen. Diesmal in einem Café in der Wiener Innenstadt. Er spricht mittlerweile fließend Deutsch und wohnt in einer Gemeindewohnung. Über seiner Prothese trägt er meist lange Hosen. Sein Gang ist aufrecht. Auf den ersten Blick würde man nicht ahnen, welche Steine dieser großgewachsene, junge Mann bereits aus seinem Weg schaffen musste und mit welchen Einschränkungen er im Alltag zu kämpfen hat. Die von der Krankenkassa bezahlte Prothese macht ihm zu schaffen. Sie juckt, der Stumpf schwillt leicht an, immer wieder kommt es zu Entzündungen. Das Treppensteigen bereitet ihm Mühe, zu unbeweglich die Prothese. Deshalb erledigt er seine Wege lieber mit dem Auto. So kann er sich auch dem Missmut entziehen, der ihm gerade in öffentlichen Verkehrsmitteln entgegenschlägt. Wenn er U-Bahn fährt und den Aufzug nimmt, wird er oft mit Blicken und Kommentaren abgestraft. Als sich eine ältere Dame einmal darüber echauffierte, warum er den Aufzug nimmt, zog er das Hosenbein hoch, zeigte auf die Prothese und erzählte von seiner Krebserkrankung. Die Frau entschuldigte sich. Die Anekdote wischt er mit einem Lachen und einer Handbewegung weg. Was bleibt, ist die Frage, wie schnell man selbst über andere urteilt und sie nach diesem Urteil behandelt.
„Ich will nicht immer gefragt werden, was passiert ist.“
Salmane L. spricht offen über seine Erkrankung und seine Prothese, aber er möchte nicht ständig darauf angesprochen werden.
Nach vorne Blicken
„Ich muss jetzt auf die Zukunft bauen“, sagt Salmane L. Im Herbst 2026 begann er die Ausbildung zum Fachsozialarbeiter für Behindertenbegleitung, denn, so sagt er: „Ich weiß, was es heißt, behindert zu sein.“ Sein größter Wunsch ist eine Spezialprothese, die es ihm ermöglicht, Sport zu betreiben und auf Reisen zu gehen. Dafür hat er eine Spendenaktion gestartet. Dennoch ist es nicht immer leicht für ihn: „Manchmal bin ich depressiv, da ist viel Traurigkeit. Aber ich habe nie aufgegeben. In keinem Bereich.“ Seine Geschichte zeigt, dass eine eigene Wohnung oft erst den nötigen Raum schafft, bestehende Probleme wahrzunehmen und zu bewältigen.
Wie behandeln wir obdachlose Menschen?
Gute Behandlung beginnt nicht erst in der Arztpraxis. Sie beginnt dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. Bei neunerhaus erleben wir Ärzt*innen, die zuhören.
Pflegekräfte, die versorgen. Sozialarbeiter*innen, die begleiten. Peer Mitarbeitende, die Hoffnung geben. Spender*innen, die ermöglichen. Wir erleben Menschen, die andere Menschen gut behandeln. Genau das macht den Unterschied.