Einen Spaziergang machen, wenn es einem nicht gut geht? Sich mit Leuten treffen, wenn man sich eigentlich zurückziehen möchte? Was im ersten Moment vielleicht wie ein gut gemeinter Ratschlag klingt, kann tatsächlich die Gesundheit fördern. Genau darauf zielt Social Prescribing ab: Menschen werden nicht nur medizinisch behandelt. Sie werden dabei unterstützt, soziale, kulturelle oder Bewegungsangebote in der eigenen Nachbarschaft wahrzunehmen. In diesem Beitrag erklären wir, was Social Prescribing genau ist, wie es funktioniert und welche Rolle es bei neunerhaus spielt.
Was bedeutet Social Prescribing?
Gesundheit ist mehr als nur medizinische Behandlung: Social Prescribing kommt aus dem Englischen und kann mit „soziale Verschreibung“ übersetzt werden. Es wird unter anderem in Arztpraxen und in Primärversorgungszentren umgesetzt. Es verbindet medizinische Versorgung mit sozialen und gesundheitsfördernden Angeboten. Sozialarbeiter*innen, Ärzt*innen und Fachkräfte mit Link-Working-Funktion übernehmen dabei eine Lotsenfunktion: Patient*innen werden nicht nur medizinisch versorgt. Auch ihre Lebensumstände werden berücksichtigt: Verschiedene Faktoren wie Umwelt, Wohnverhältnisse, finanzielle Sicherheit und soziale Kontakte beeinflussen unsere psychische und physische Gesundheit. Auch Bewegungsmangel, Einsamkeit und (andauernder) Stress können sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Und genau hier setzt Social Prescribing an. Neben der medizinischen Versorgung geht es zunächst darum, gemeinsam mit der Person herauszuarbeiten, welche Wünsche und Bedürfnisse sie hat und welche Möglichkeiten für sie vorstellbar und realistisch umsetzbar sind. Darauf aufbauend erfolgt die Vermittlung zu passenden Aktivitäten und Unterstützungsangeboten, die auf soziale und emotionale Bedürfnisse eingehen und somit die Gesundheit und das Wohlbefinden fördern können.
Social Prescribing wurde in den 1990ern in England entwickelt, hat sich dort als etablierte Praxis im Gesundheitsbereich durchgesetzt und ist Teil des nationalen Gesundheitsplanes. In Österreich wurde Social Prescribing 2021 ausgerollt. neunerhaus war eine von neun Organisationen, die über Gesundheit Österreich (GÖG) und finanziert vom Sozialministerium am ersten österreichweiten Pilotprojekt zu Social Prescribing teilnahm.
Wie funktioniert Social Prescribing in der Praxis?
- Ärzt*innen, Pflegekräfte, Sozialarbeiter*innen oder andere vertrauenswürdige Fachpersonen erkennen gemeinsam mit Patient*innen soziale Belastungen, die deren Gesundheit beeinflussen können – etwa Einsamkeit, finanzielle Sorgen oder Stress.
- Der/die Patient*in wird an einen sogenannten Link-Worker in der Arztpraxis oder im Primärversorgungszentrum verwiesen. Diese Person nimmt sich Zeit für ein Gespräch mit dem*der Patient*in, um zu klären, welche Aktivitäten zu ihr passen und vermittelt an entsprechende Stellen.
- Patient*innen können bei Bedarf zu den Aktivitäten begleitet werden, um die erste Hürde zu nehmen.
Welche Angebote zählen zu Social Prescribing?
Je nach Bedürfnissen und Interessen können das beispielsweise sein:
- Grätzel-Initiativen, soziale Treffpunkte, Freiwilligenarbeit und weitere Angebote zur Förderung der sozialen Teilhabe
- Selbsthilfegruppen und psychosoziale Beratung
- Schuldenberatung oder Wohnberatung sowie Rechts- und Sozialberatung und behördliche Sozialarbeit
- Gesundheitsangebote im Gemeinwesen, etwa medizinische, pflegerische und therapeutische Angebote sowie Hebammenberatung
- Kochkurse, Musikangebote oder Museumsbesuche
- Bewegungs- und Wandergruppen oder andere Aktivitäten in der Natur, aber auch leistbare Fitnessstudio-Mitgliedschaften
Dabei können Menschen ihr Grätzel und seine Angebote kennenlernen, neue Aktivitäten für sich entdecken und soziale Kontakte knüpfen.
Was hat Social Prescribing mit Gesundheit zu tun?
Social Prescribing kann:
- die Lebensqualität und das Wohlbefinden steigern
- Einsamkeit reduzieren, soziale Teilhabe fördern
- die Selbstwirksamkeit erhöhen
- das Gesundheitssystem entlasten, da nicht-medizinische Belange dort behandelt werden, wo sie hingehören.
Für wen ist Social Prescribing geeignet?
Für alle Menschen, besonders, wenn sie:
- sich einsam fühlen
- gestresst oder überfordert sind und sich viele Sorgen machen
- armutsbetroffen oder in einer prekären sozialen Lage sind
- mehr Struktur und Abwechslung im Alltag wünschen
Warum ist Social Prescribing für wohnungslose und armutsbetroffene Menschen besonders wichtig?
Wohnungslose und armutsbetroffene Menschen sind meist von sozialer Ausgrenzung betroffen. Sie haben viele ihrer Freund*innen verloren, den Kontakt zur Familie abgebrochen – oft aus Scham. Mit der Armutsbetroffenheit geht einher, dass viele Angebote nicht genutzt werden können – sie sind schlicht zu teuer. Oftmals ist auch der erste Schritt hin zu einem Angebot, der schwierigste. Auch Unkenntnis über die verschiedenen Angebote sind häufige Gründe. Da, wo neunerhaus kann, werden Menschen begleitet, um die Hemmschwelle einer Teilnahme zu senken. Social Prescribing bietet also einen begleiteten Zugang zu psychosozialen Unterstützungsangeboten, kulturellen Angeboten, spezifischer Beratung und sozialen Treffpunkten.
Wie setzt neunerhaus Social-Prescribing um?
Nach der Teilnahme am Pilotprojekt 2021 wurde Social Prescribing 2022 auch im neunerhaus Café umgesetzt. Ziel ist, den Ansatz fachlich und operativ bei neunerhaus zu verankern. Dazu gehören auch die Sensibilisierungsarbeit und die Weiterentwicklung von Netzwerken und Kooperationen mit Fokus auf Freizeitaktivitäten.
Seit 2026 ist Social Prescribing im neunerhaus Gesundheitszentrum angedockt – hier berücksichtigt das interdisziplinäre Team seit jeher neben medizinischen Anliegen auch die sozialen und emotionalen Bedürfnisse von nicht krankenversicherten, obdach- und wohnungslosen sowie armutsbetroffenen Menschen.
Mit den Peer-Mitarbeiter*innen von neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen stehen den Nutzer*innen Menschen zur Seite, die sie darin unterstützen, das neue Grätzel kennenzulernen und passende Angebote für sie zu finden.
Für neunerhaus ist Social Prescribing ein vielversprechender Ansatz, um die Inklusion von Menschen, die von Armut, Krankheit und Ausgrenzung betroffen sind, strukturell und individuell zu unterstützen. Mit Social Prescribing ermöglicht neunerhaus niederschwelligen Zugang zum Sozialsystem und zu gesellschaftlicher Teilhabe – beides zentrale Ziele von neunerhaus.
Quellen: Öffentliches Gesundheitsportal Österreich | GÖG | Kurier