
Altersentsprechend gehe es ihm gut, erzählt Josef P. Das war nicht immer so. Ein schmerzhafter Verlust, eine Alkoholerkrankung und das Leben auf der Straße setzten ihm und seiner Gesundheit schwer zu. Wie sich der 69-jährige Bewohner des neunerhaus Kudlichgasse fit hält, davon erzählt dieses Interview.
Bevor du 2023 ins neunerhaus Kudlichgasse gezogen bist, warst du in einem Übergangsquartier. Dort teilt man sich Badezimmer und Küche mit vielen anderen. Wie war es, von dort in die eigenen vier Wände zu ziehen?
1000 zu eins! Bei den dünnen Wänden (Anm. im Übergangsquartier) hast du gehört, wenn der Nachbar Herzklopfen hat. Da nimmst du Baldrian.
Du hast in früheren Interviews erzählt, dass dich der plötzliche Tod deiner Frau aus der Bahn geworfen hat. Du hast mit dem Trinken angefangen, dadurch die Arbeit verloren, konntest Rechnungen nicht mehr bezahlen. Schließlich hast du deine Wohnung verloren. Das war in den 1980ern. Bis du bei neunerhaus ein neues Zuhause gefunden hast, ist viel Zeit vergangen – du warst unter anderem als Seemann auf der ganzen Welt unterwegs. Nach deiner Rückkehr nach Wien warst du trotz Arbeit wieder obdach- bzw. wohnungslos.
Ja, ich hatte schwerste Alkoholprobleme. 2021 war ich drei Monate auf stationärer Therapie. Ich habe nur mehr 40 Kilo gewogen, wegen dem Alkohol habe ich nichts mehr gegessen habe.
Wie geht’s dir aktuell gesundheitlich?
Gesundheitlich geht’s mir gut. Naja (überlegt), altersentsprechend! Und jetzt, wo es so heiß ist (Anm. das Interview fand im Sommer statt), habe ich einen Schnupfen. Ein Anachronismus, wenn man so will. Ich habe einen Taschentuchverbrauch wie ein Großkindergarten (lacht). Bei der Hitze ist‘s ein bisschen blöd. Aber sonst geht’s mir ganz gut, ich brauche keine Tabletten, nicht einmal Kopfschmerztabletten.
„Die Versorgung ist jetzt schon viel besser als früher. Aber es ist noch immer nicht genug.“
Josef P. über die gesundheitliche Versorgung von obdach- und wohnungslosen Menschen in Wien
Wie hältst du dich fit?
Mit frischer Luft und Bewegung. Ich bin jeden Tag für Shades Tours unterwegs – bei jedem Wetter. Man sollte sich nicht im Zimmer einsperren, man wird blöd mit der Zeit. Ich habe nicht mal einen Fernseher, nehme lieber ein Buch oder die Zeitung und rede mit anderen. Ich red‘ ja in der Arbeit mit vielen Menschen. Zur Gesundheit gehört dazu, mit anderen zu reden.
Wenn man obdach- oder wohnungslos ist, verliert man viele soziale Kontakte.
Bei mir war alles weg. Freunde, Familie, die haben nichts von meiner Situation gewusst. Es hat lange gedauert, bis ich erzählt habe, wie es mir ging. Ich musste das zuerst überwinden. Jetzt gehört es zu meinem Leben, ich kann es nicht mehr ändern.
Gesundheitlich geht es ziemlich bergab, besonders bei denen, die auf der Straße leben. Obdachlose Menschen sind ganz normale Menschen. Niemand ist freiwillig draußen.
Der Pensionist Josef P. weiß aus eigener Erfahrung, welche Auswirkungen es auf die Gesundheit hat, wenn man die Wohnung verliert. Er weiß auch, dass vielen Menschen auf der Straße das Menschsein abgesprochen wird.
Hättest du einen Wunsch frei, was wäre das?
Ich brauche einen neuen Computer, das heißt, ich werde mir einen Gebrauchten kaufen. Ich surfe recht viel herum. Und ich würde gerne wieder Motorrad fahren, eine schwere Maschine. Aber unter 40.000 Euro kriegst du keine. Eine Harley wäre mein Traum.
Wie behandeln wir obdachlose Menschen?
Gute Behandlung beginnt nicht erst in der Arztpraxis. Sie beginnt dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. Bei neunerhaus erleben wir Ärzt*innen, die zuhören.
Pflegekräfte, die versorgen. Sozialarbeiter*innen, die begleiten. Peer Mitarbeitende, die Hoffnung geben. Spender*innen, die ermöglichen. Wir erleben Menschen, die andere Menschen gut behandeln. Genau das macht den Unterschied.