Seit drei Jahren steigt die Zahl der obdach- und wohnungslosen Menschen in Österreich wieder. Es sind dringend Maßnahmen erforderlich.
Wie viele Menschen waren im Jahr 2024 in Österreich als obdachlos oder wohnungslos registriert?
Laut den neuesten Zahlen von Statistik Austria waren im Jahr 2024 in Österreich 21.073 Personen als wohnungslos oder obdachlos registriert. Das ist ein Anstieg von 2,8 % (plus 578 Personen) gegenüber dem Vorjahr.* Es ist das dritte Jahr in Folge, in dem die Zahl wieder gestiegen ist, zwischen 2016 und 2021 war die Zahl noch rückläufig.

Die detaillierte Aufschlüsselung zeigt, wer hinter dieser Zahl von 21.073 steht:
- 6.629 Frauen (31 %) waren im Jahr 2024 als obdachlos oder wohnungslos registriert.
- Junge Erwachsene (18–24 Jahre) machten 11 % der registrierten Personen aus.
- In Wien waren 11.512 Personen (55 %) als obdachlos oder wohnungslos registriert.
Diese Verteilung entspricht weitgehend der des Vorjahres. Und ist nur ein Teil des Bildes. Daten zu Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit sind oft lückenhaft – und es gibt viele Menschen, die von den derzeitigen Zählmethoden statistisch nicht erfasst werden.
Wie wird Wohnungslosigkeit bzw. Obdachlosigkeit in Österreich erfasst?
Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit zu messen ist komplex. In der Alltagssprache werden die Begriffe „obdachlos“ und „wohnungslos“ oft synonym verwendet. Auf europäischer Ebene wird auf Basis von ETHOS (Europäische Typologie für Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und prekäre Wohnversorgung) klar zwischen den beiden Begriffen unterschieden. Diese Typologie wurde vom europäischen Dachverband der Wohnungslosenhilfe, FEANTSA, entwickelt:
- Als obdachlos werden Menschen bezeichnet, die auf der Straße oder an öffentlichen Plätzen leben. Obdachlos sind auch Menschen ohne festen Wohnsitz, die in Notschlafstellen und anderen niederschwelligen Einrichtungen übernachten.
- Als wohnungslos werden Menschen beschrieben, die in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, in Frauenhäusern oder in Einrichtungen für Migrant*innen/Asylwerber*innen wohnen. Es betrifft auch Menschen, die von Institutionen (z. B. Gefängnissen oder Spitälern) entlassen werden und jene, bei denen kein ordentlicher Wohnsitz vorhanden ist.
In Österreich basieren die offiziellen Statistiken auf der Erfassung mehrerer ETHOS-Kategorien im Zentralen Melderegister (ZMR), dem Register, in dem Personen ihren Wohnsitz offiziell anmelden. Personen werden in der Statistik erfasst, wenn sie mindestens einmal in einem bestimmten Jahr entweder eine Hauptwohnsitzmeldung als „obdachlos“ haben oder in einer der folgenden Einrichtungen angemeldet sind: Notunterkünfte und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, Frauenhäuser oder Langzeitwohnheime für ältere Menschen, die wohnungslos sind. In diesem Beitrag gehen wir näher auf den Unterschied zwischen Obdach- und Wohnungslosigkeit ein.
Wer wird nicht erfasst?
Die Praxis zeigt, dass bei dieser Zählmethode nur ein Teil der betroffenen Menschen erfasst wird. Die von der Statistik Austria veröffentlichten Zahlen sind daher als Untergrenze der Dimension von Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit zu verstehen.
Was bleibt, ist eine hohe Dunkelziffer. Dazu zählen Menschen, die keinen eigenen sicheren Wohnsitz haben und temporär bei Freund*innen oder Verwandten übernachten oder andere, teilweise sehr prekäre, Wohn-Alternativen zu Angeboten der Wohnungslosenhilfe finden. Dieses Phänomen wird als „verdeckte Wohnungslosigkeit“ bezeichnet (hier schreiben wir ausführlich über verdeckte Wohnungslosigkeit). Bestimmte Personengruppen, wie z. B. junge Erwachsene, die spezifische Hürden beim Zugang zum Wohnungsmarkt haben, oder aber auch Frauen, bleiben laut Studien länger in Situationen der verdeckten Wohnungslosigkeit und sind daher in Statistiken oft unterrepräsentiert.
Derzeit läuft ein europaweites Projekt zur Verbesserung der Datenerfassung, und mehrere Städte erproben in enger Zusammenarbeit mit Organisationen der Wohnungslosenhilfe neue Erhebungsmethoden, um ein vollständigeres Bild zu erhalten. In Österreich nehmen Innsbruck und Salzburg am Projekt teil.
Welche Maßnahmen sind aus Sicht von neunerhaus erforderlich?
Im Jahr 2021 hat sich Österreich im Rahmen der Lissabon-Erklärung dazu verpflichtet, bis 2030 auf die Beendigung der Wohnungslosigkeit hinzuarbeiten. Die steigenden Zahlen der letzten Jahre zeigen jedoch, dass wir noch weit von diesem Ziel entfernt sind. Die aktuelle Lage ist jedenfalls herausfordernd – es mangelt an leistbarem Wohnraum, mehrere zentrale Lebensbereiche sind massiv von Teuerungen betroffen, Sozialleistungen werden gekürzt und der Sozialbereich steht insgesamt unter einem enormen Spardruck. Diese Entwicklungen treffen Menschen in prekären Lebensverhältnissen besonders hart, und die Menschen werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Allen angeführten Faktoren ist gemeinsam, dass sie das Risiko von Wohnungs- und Obdachlosigkeit erhöhen.
Umso wichtiger ist die strukturelle Bekämpfung von Wohnungslosigkeit auf Policy-Ebene und die gesicherte Finanzierung von Leistungen der Wohnungslosenhilfe, um Phasen von Wohnungs- und Obdachlosigkeit für die betroffenen Menschen so kurz wie möglich zu halten.
Die dafür notwendigen Maßnahmen sind bekannt und bewährt – Zugang zu leistbarem Wohnraum und der konsequente Ausbau von Housing First in Wien und Österreich. Ein erster wichtiger Schritt war die Verankerung von Housing First im Bundesregierungsprogramm sowie im Wiener Regierungsprogramm, was seitens neunerhaus ebenso wie der europaweite Affordable Housing Plan begrüßt wird. Zur strukturellen Beendigung von Wohnungslosigkeit braucht es die Expertise von Sozialeinrichtungen ebenso wie das Zusammenwirken aller politischen Entscheidungsträger*innen – insbesondere mit Blick auf eine gemeinsame Sozial- und Wohnpolitik auf Landes-, Bundes- und Europaebene.
*In der neuesten Datenveröffentlichung von Statistik Austria wurden die Zahlen für die Jahre 2008–2023 nachträglich aktualisiert und haben sich teilweise seit der letzten Veröffentlichung leicht verändert. Alle Zahlen und Grafiken in diesem Blogbeitrag basieren auf den aktualisierten Zahlen. Dies kann zu Diskrepanzen mit Zahlen an anderer Stelle auf der neunerhaus-Website führen, die aus früheren Veröffentlichungen stammen.