
Vor einigen Monaten kam Sonja K. nur knapp mit dem Leben davon. Seit einer Notoperation verbrachte sie viel Zeit im Krankenhaus. Die Bewohnerin des neunerhaus Kudlichgasse ist Teil der diesjährigen Kampagne #gutbehandeln, in der es um die medizinische Versorgung von obdach- und wohnungslosen sowie nichtversicherten Menschen geht. Mit ihr blicken wir hinter die Kulissen der Kampagnen- und Testimonial-Arbeit bei neunerhaus.
Ein ganz normaler Mensch
Frühsommer 2026. Sonja K. wohnt seit 13 Jahren im neunerhaus Kudlichgasse. Von den Strapazen der vergangenen Monate ist sie noch sichtlich mitgenommen, ihr letzter Krankenhausaufenthalt liegt erst wenige Tage zurück. Ihre Bewegungen sind langsam und mechanisch. Hinter dem Rollator schiebt sie sich zum Tisch, an dem wir über ihre Gesundheit und die Kampagne sprechen. Ihre Antworten: knapp. Ihr Blick wandert während des Gesprächs immer wieder in die Ferne und bleibt dort an irgendetwas hängen. Was gibt es über sie zu wissen? „Nicht viel“, sagt sie, sie sei im 15. Wiener Gemeindebezirk aufgewachsen, habe Geschwister. Sie war 12 Jahre lang in einer Gewaltbeziehung, antwortet sie auf die Frage, warum sie wohnungslos wurde. Sonst sei sie „ein ganz normaler Mensch.“
Gesundheit ist wichtig
Vor fünf Monaten kam es bei Sonja K. beinahe zu einem Nierenversagen. Nur knapp sei sie mit dem Leben davongekommen, erzählt die 62-Jährige. Was einem da durch den Kopf geht? Sie zuckt mit den Schultern: „Ich komme mit dem nicht wirklich klar. Ich habe alles gemacht, was die Ärzte gesagt haben. Einkaufen gehen ist für mich noch Horror pur.“
Aufgrund ihrer Erkrankung hat Sonja K. viel Gewicht verloren. Sie muss wieder zu Kräften kommen. Ihre Appetitlosigkeit bereitet ihr Sorgen. Wenn sie etwas isst, hat sie mit Übelkeit zu kämpfen. Ob sie sich denn das Shooting in ein paar Wochen zutraut? „Ja“, lautet ihre Antwort, „im Krankenhaus haben sie gesagt, ich bin eine Heldin, was ich schon alles gesundheitlich geschafft habe!“ Bis zum Shooting werden wir mit ihr und der Peer-Mitarbeiterin im Haus, CJ, in engem Austausch bleiben. Gesundheit geht vor.
„Hier ziehe ich nicht mehr aus. Ich habe alles, was ich brauche. Ich kann schlafen, essen, trinken, duschen.“
Sonja K. lebt mit ihrem Kater Gizmo im neunerhaus Kudlichgasse. Hier hat jede*r die eigenen vier Wände mit Schlafzimmer, Dusche und Küche.
Kamera bereit. Und Bitte! Foto-Shooting und Video-Dreh für #gutbehandeln
Die Testimonials – fünf an der Zahl – fanden mit ihren unterschiedlichen Geschichten zu neunerhaus: Josef P. wohnt wie Sonja K. im neunerhaus Kudlichgasse, Angelika T. im neunerhaus Hagenmüllergasse. Nachdem Salmane L. den Flüchtlingsstatus erhielt, wurde er, wie viele in seiner Situation, obdachlos. Mit neunerhaus Housing First und Mobil betreutes Wohnen konnte er eine leistbare Wohnung finden. Kurz nach seinem Einzug stellte man einen Tumor bei ihm fest. Layla S. ist alleinerziehend und lebte aufgrund ihres Aufenthaltstitels viele Jahre in Grundversorgungseinrichtungen. Eine Zeit, die ihrer psychischen Gesundheit stark zusetzte. 2026 absolvierte sie den neunerhaus Peer Campus. Für die Kampagne schlüpften die Fünf in einen Behandlungskittel. Es soll auf den ersten Blick erkennbar sein, dass es in der Kampagne um medizinische Versorgung von obdach- und wohnungslosen und nichtversicherten Menschen geht.
Am Vortag des Shootings telefonieren wir mit Sonja K. Sie ist dabei, es gehe ihr so weit gut. Ihr Timeslot für das Shooting ist für den frühen Nachmittag vorgesehen. Ein Taxi bringt sie vom neunerhaus Kudlichgasse ins neunerhaus Gesundheitszentrum, dort finden Dreh und Shooting statt. Sonja K. wollen wir im Wartebereich porträtieren. Wir nutzen die Zeit, bis die Fotografin und der Videograf das Licht eingerichtet haben, und zeigen Sonja K. das neunerhaus Gesundheitszentrum. Evelyn B., diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, ist Teil des Pflege- und Wundmanagement-Teams und zeigt Sonja K. ihren Behandlungsraum. Die zwei teilen sich eine Vorliebe für bunte Haarfarben und verstehen sich auf Anhieb. Sonja K. leidet an Neurodermitis, ständiger Juckreiz begleitet sie im Alltag, ihre Haut ist dadurch stark beansprucht. Kurzerhand wird Evelyn B. die Füße und Beine von Sonja K. pflegerisch versorgen – waschen, eincremen, mit einem Verband umwickeln. Wir dürfen die Szenen für Social Media einfangen. Danach schlüpft Sonja K. in den Behandlungskittel und posiert wenig später im Wartebereich. Geduldig und lässig stützt sie sich auf ihrem Rollator ab.
„Ich wüsste nicht, was ich mir wünschen sollte. Ich bin eigentlich zufrieden – bis auf meine Gesundheit. Die macht mir zu schaffen. Aber das werden wir auch noch hinkriegen. Entweder ich sterb‘, oder ich leb‘ weiter.“
Sonja K.s Sichtweise auf die Welt ist pragmatisch, ihre Art zu reden lapidar.
neunerhaus zeigt Menschen abseits von Klischees
Obdach- und Wohnungslosigkeit kennt viele Gesichter, gezeigt werden meist nur Klischees. neunerhaus hält bewusst dagegen. Wir zeigen Menschen, die wir unterstützen und sie entscheiden, ob und wie wir das tun. Nachdem wir die ersten Abzüge der Kampagnen-Fotos erhalten, besprechen wir die Fotos mit den Testimonials persönlich. Sonja K. treffen wir zur im Beisl des neunerhaus Kudlichgasse. Das Beisl hat an diesem Dienstagnachmittag im Spätsommer bereits Sperrstunde. Sonja K. räumt die letzten Kaffeehäferl in den Geschirrspüler. Sie kann endlich wieder ihren wöchentlichen Dienst im gemeinschaftlichen Aufenthaltsraum absolvieren und sich so ein kleines Taschengeld dazuverdienen. Mit den Fotos ist sie einverstanden, sie gefällt sich. Gesundheitlich geht es ihr schon viel besser. Kleinere Wege bewältigt sie mittlerweile ohne Rollator. Sie ist eine Heldin.
Gesundheit in den neunerhaus Wohnhäusern
Wie in allen neunerhaus Wohnhäusern ist auch im neunerhaus Kudlichgasse die gesundheitliche Stabilisierung der Bewohner*innen ein wesentlicher Teil des Angebots. Interne und externe Gesundheitsfachkräfte arbeiten dafür eng zusammen. Einmal wöchentlich findet die Sprechstunde mit einem neunerhaus-Arzt oder einer neunerhaus-Ärztin statt. Sonja K. nutzt diese Möglichkeit regelmäßig – gerade in Zeiten, in denen es ihr nicht so gut geht. Gerade fand ein Ärztewechsel statt, sehr zum Leidwesen von Sonja K.: „Dr. Tibor fehlt mir. Ich hatte blindes Vertrauen zu ihm. Ich habe ihn geschimpft und geweint, als er weggegangen ist.“ Vertrauensaufbau passiert nicht von heute auf morgen. Das wissen die Ärzt*innen und Fachkräfte bei neunerhaus. Umso mehr schätzen sie es, sich bei neunerhaus die Zeit dafür nehmen zu können (hier im Interview: Helga L., Ärztin und Anre F., Psychiater bei neunerhaus).
Wie behandeln wir obdachlose Menschen?
Gute Behandlung beginnt nicht erst in der Arztpraxis. Sie beginnt dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. Bei neunerhaus erleben wir Ärzt*innen, die zuhören.
Pflegekräfte, die versorgen. Sozialarbeiter*innen, die begleiten. Peer Mitarbeitende, die Hoffnung geben. Spender*innen, die ermöglichen. Wir erleben Menschen, die andere Menschen gut behandeln. Genau das macht den Unterschied.